Hausarztprogramm

Zwei Stunden Verwaltungsaufwand statt zwei Wochen

Die gute medizinische Versorgung einer immer älter werdenden Bevölkerung stellt gerade auf dem Land alle Beteiligten vor große Aufgaben. Das haben der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann, und der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha (Grüne) am Donnerstag in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Pfedelbach (Hohenlohekreis) erfahren. Aber mit dem richtigen Rahmen, der beispielsweise Ärztekooperationen erleichtert, ist es zu schaffen. Der Minister zeigte sich hoffnungsvoll: "Das Interesse junger Mediziner, eine Hausarztpraxis zu führen, wächst wieder."

Der seit 2011 bestehenden Gemeinschaftspraxis der Ärztinnen Susanne Bublitz und Petra Sandig ist es bereits gelungen, nicht nur zufriedene Patienten zu haben. Sie erleben auch rege Nachfrage von jungen Medizinerinnen, die nach einer zweieinhalbjährigen Lehrzeit in der Gemeinschaftspraxis selbst als Hausärztinnen starten wollen.

An Kliniken müssen die Pfedelbacher Ärztinnen ihre Patienten fast nur noch bei Operationsbedarf weitergeben. Sie haben eigene Zusatz-Ausbildungen und ein enges Netz mit Fachärzten wie dem Öhringer Kardiologen Friedhelm Gerst. So kann vielen Patienten beispielsweise mit Herzkammerflimmern ein Klinikaufenthalt erspart werden. Schub gegeben hat dafür das HausarztProgramm der AOK Baden-Württemberg. Es beinhaltet Fallpauschalen und deutlich weniger Verwaltungsaufwand.

Unter den etwa 2.200 Patienten der Pfedelbacher Gemeinschaftspraxis sind etwa 1.000 Teilnehmer dieses Programms. "Bei der Quartalsabrechnung komme ich für sie jetzt mit zwei Stunden Verwaltungsaufwand statt vorher zwei Wochen aus", beschreibt Susanne Bublitz die drastischste Einsparung.

Der AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Hermann kann diese individuelle Erfahrung mit Ergebnissen einer wissenschaftlichen Evaluation untermauern. Zudem beobachteten die Wissenschaftler, dass allein im Bereich der Herzkrankheiten etwa 4.000 Klinikeinweisungen pro Jahr im Südwesten eingespart werden. Ursache ist, dass durch die von den Verträgen forcierte Kooperation Haus- und Fachärzte in enger Abstimmung schon vorher eine gute Behandlungsmöglichkeit gefunden haben. "Hausärzte als zentrale Ansprechpartner können häufig eine kritische Situation schon im Vorfeld erkennen und behandeln", sagt Dr. Christopher Hermann.

Petra Sandig und Susanne Bublitz finden, dass das Modell "auch das hausärztliche Selbstbewusstsein" hebt. Das sei nämlich lange mit Füßen getreten worden, insbesondre an den Universitäten. Darin sehen sie auch einen Grund, weshalb zu wenig junge Ärztinnen und Ärzte Allgemeinmediziner werden wollen - und schon gar nicht auf dem Land. Die Pfedelbacher Ärztinnen wiesen auch auf Defizite hin: "Auf manchen Dörfern haben wir einfach kein stabiles Mobilfunknetz und kein schnelles Internet". Ausschlusskriterium für Telemedizin. Außerdem macht der Facharztmangel zu schaffen, vom Augenarzt über den Orthopäden bis zum Psychotherapeuten. Manches fangen die Ärztinnen selbst auf, etwa mit Fortbildung in Palliativmedizin oder der Schulung von Mitarbeiterinnen als Wundversorgungs-Spezialistinnen.

Bürgermeister Torsten Kunkel (CDU) ist "froh, so eine Praxis hier am Ort zu haben". Er weiß, dass viele vergleichbare Orte - Pfedelbach hat rund 9.200 Einwohner, verteilt auf sechs Teilorte - dies nicht mehr zu bieten haben. Minister Lucha betont, dass auch in der Medizin "das Mannschaftsspiel die Zukunft" sein wird. Ärzte und Kommunen, Patienten und Kassen und die Politik müssen Hand in Hand arbeiten, wenn die Versorgung funktionieren soll. Was Qualität sei, zeige das Ergebnis.