Interview mit Smudo

Digital statt Zettelwirtschaft: Effiziente Kontaktverfolgung in der Pandemie

Interview mit Smudo, Musiker und Mitglied der Fantastischen Vier, zur luca-App:

Künstler und Kulturschaffende der Initiative Culture4life rund um die Fantastischen Vier haben gemeinsam mit dem Start-up neXenio eine App zur Kontaktverfolgung in der Corona-Pandemie entwickelt. Wie kam es zu dieser Kooperation und was bietet diese Anwendung, die aktuell bundesweit von Medien und Gesundheitspolitikern diskutiert wird und mit dem Hashtag #lucaapp in den Sozialen Medien in aller Munde ist? Die AOK Baden-Württemberg im Gespräch mit Smudo von den Fantastischen Vier zur luca-App.

Das Gründerteam hinter luca (v.l.): Michi Beck (Fantastische Vier), Marcus Trojan (Culture4life), Patrick Hennig (Culture4life), Smudo (Fantastische Vier) - Bild: Jens Oellermann

 


AOK Baden-Württemberg: Wie kam es zur Entwicklung der Luca-App und zur Zusammenarbeit der Fantastischen Vier mit der Berliner Agentur neXenio?

Smudo: Wir haben neXenio über einen gemeinsamen Freund kennengelernt, als wir uns überlegt haben, ob und wie wir unsere große Stadiontour „30 Jahre Fanta4“ corona- und datenschutzkonform durchführen können. Schnell war allen Beteiligten klar, dass das unter den damaligen Umständen nicht möglich war. Die Tour wurde verschoben. Hier entstand die gemeinsame Idee für luca. Uns war schnell klar, dass die Gesundheitsämter entlastet werden müssen, wenn wieder mehr gesellschaftliches Leben möglich sein soll. Gemeinsam haben wir dann Culture4life gegründet und das luca-System ins Leben gerufen.

AOK Baden-Württemberg: Was bietet die App - ist es eine Konkurrenz zur Corona-Warn-App oder wie unterschiedet sie sich?

Smudo: Zum einen ist das luca System spezialisiert auf bewusste Treffen – egal, ob Restaurantbesuch, privates oder berufliches Treffen, Kirchen- oder Kulturveranstaltungen wie Theater, Kino, Konzerte oder sogar die Fahrt in der Bahn oder mit dem öffentlichen Nahverkehr. Überall da, wo ich eine Location betrete, kann ich mich mit luca anmelden. Die Corona-Warn-App dagegen verfolgt einen anderen Nutzen. Sie begleitet den Nutzer wie ein Radar den ganzen Tag über und bietet eher bei zufälligen, unbewussten Treffen einen Vorteil. Zum anderen bietet luca einen Kanal von einem bestimmten Nutzer zum Gesundheitsamt und auch wieder zurück zu allen anderen Nutzern der App. So können Betroffene in wenigen Minuten über einen Infektionsfall informiert werden und sich dementsprechend verhalten – sich und andere schützen. Infektionsketten werden also wesentlich schneller unterbrochen als bisher. Darin sehen wir, viele Wissenschaftler und diverse Studien die Chance, die immer noch viel zu hohen Inzidenzzahlen besser in den Griff zu kriegen.

AOK Baden-Württemberg: Für wen ist die App?

Smudo: Die App bietet einen unmittelbaren Mehrwert für Gastgeber, da sie die Dokumentationspflicht übernimmt, für Gäste ist sie ein einfach Anmeldewerkzeug und ein sehr schneller Kommunikationskanal mit dem Gesundheitsamt. Und das Gesundheitsamt kann Infektionscluster schneller erkennen und mit wenigen Klicks Infektionsketten unterbrechen, wo bisher tagelang telefoniert werden musste.

AOK Baden-Württemberg: Wie funktioniert die App?

Smudo: Wir haben von Anfang an Wert daraufgelegt, dass luca ein System mit niedriger Barriere wird. Darum gibt es eine App für iOS und Android, die auch auf Geräten älterer Generation funktioniert. Für Menschen ohne Smartphone haben wir Schlüsselanhänger mit QR-Code entwickelt. Es kann ja nicht sein, dass wir den besonders gefährdeten, älteren Menschen den Zugang zu mehr Sicherheit versperren.

AOK Baden-Württemberg: Welche Vorteile bietet Luca Gewerbetreibenden, Privatpersonen und Gesundheitsämtern?

Smudo: Für Gewerbetreibende bietet luca die Übernahme der Dokumentationspflicht, für Privatpersonen bedeutet luca eine schnelle Kommunikation mit dem Gesundheitsamt und damit Sicherheit im Umgang mit möglichen Infektionsrisiken. Für die Gesundheitsämter bedeutet luca eine erhebliche Arbeitserleichterung und die Möglichkeit Infektionscluster zu identifizieren. Das ist wichtig, weil wir gelernt haben, dass es Superspreading-Ereignisse gibt. Diese müssen wir erkennen und die daraus entstehenden Infektionsketten unterbrechen. Außerdem ist ein Gesundheitsamt in wenigen Stunden ongeboardet, das heißt langwierige Implementierungsphasen sind nicht erforderlich, was ja inmitten einer laufenden Pandemie auch wichtig ist.

AOK Baden-Württemberg: Wie funktioniert die Einbindung der App bei den Gesundheitsämtern?

Smudo: Wir haben eine Schnittstelle für alle gängigen Systeme der Gesundheitsämter, wie zum Beispiel Sormas, aber eben auch alle anderen. Wir können innerhalb von vier Wochen 95% der deutschen Gesundheitsämter onboarden, die Zertifizierung der Gesundheitsämter und die Übergabe der sensiblen Schlüssel zum Entsperren der Daten nach Einwilligung der Nutzer erfolgt über die Bundesdruckerei.

AOK Baden-Württemberg: Wie sicher sind die persönlichen Daten und wer sieht die Daten der Nutzer?

Smudo: Die Daten liegen aufgeteilt bei drei Parteien: Gast, Gastgeber und Gesundheitsamt. Das Handy generiert jede Minute einen neuen QR-Code, so dass auch hier kein Missbrauch stattfinden kann. Die Daten der Nutzer sieht nur das Gesundheitsamt und das auch nur nach Einwilligung des Betroffenen. Sobald ein Gesundheitsamt auf den Datensatz des Nutzers zugreifen möchte, wird dieser informiert und entscheidet über die Weitergabe der Daten, hat also jederzeit die Hoheit über seine Daten.

AOK Baden-Württemberg: Gibt es weitere Vorteile, die momentan mit anderen Ansätzen noch nicht umgesetzt werden?

Smudo: Eine mögliche Anwendung ist die Kombination mit Schnelltests und der damit verbundenen Teststrategie. Wir haben eine intelligente Kombination von luca und Schnelltestsystemen geschaffen. Wir sind hierzu mit diversen Anbietern ins Gespräch gegangen, die sichere Schnelltestsysteme anbieten. In Zukunft wird es möglich sein, dass sich der Nutzer testet und dann für einen bestimmten Zeitraum in der App freigeschaltet ist. Außerdem kann das Gesundheitsamt im luca-System für verschiedene Locations ein individuelles Risikoprofil hinterlegen, um so eine noch differenziertere Entscheidung zu treffen.

AOK Baden-Württemberg: Können die Daten auch in andere Systeme übertragen werden?

Smudo: Ja, wir haben ja bei der Entwicklung des luca Systems sehr eng z.B. mit dem Gesundheitsamt in Jena zusammengearbeitet und daher früh einen Einblick in die verschiedenen Systeme bekommen und uns dementsprechend für offene Schnittstellen entschieden.

AOK Baden-Württemberg: Wie ist der Datenschutz bei der Erfassung und Übermittlung aus Sicht der Betreiber?

Smudo: Weder wir, als Betreiber der App, noch Gastgeber oder andere Gäste haben zu irgendeinem Zeitpunkt Zugriff auf die Daten.

AOK Baden-Württemberg: Ist die Luca-App kostenlos?

Smudo: Ja, für Betreiber und Gäste ist die App kostenlos. Die Finanzierung läuft über die Gesundheitsämter, die luca nutzen. Das war uns von Anfang an wichtig, da wir eine größtmögliche Akzeptanz bei Nutzern und Betreibern benötigen, um effektive Clusternachverfolgung zu erreichen.

AOK Baden-Württemberg: Wie kann Luca von Gästen und Betreibern genutzt werden?

Smudo: Mit dem Smartphone als App auf IOS und Android und für Gäste ohne Smartphone gibt es Schlüsselanhänger mit QR Code. Gastgebern steht außerdem eine webbasierte Version zur Verfügung.

 

So funktioniert die luca-App: Anwender, Betreiber und Gesundheitsamt halten sich über akute Gefährdungen auf dem Laufenden, obwohl sie nur anoyme Daten austauschen. Das funktioniert, weil sich Gäste bei Betreibern über das Scannen von QR-Codes an- und abmelden. Die wichtigste Info kommt damit beim Gesundheitsamt an: Wann waren wo wie viele Personen anwesend, die später positiv getestet wurden?

 

Mehr Informationen zur App: www.luca-app.de