AOK: Operieren ist nicht Kurieren

Operative Behandlungen von Fettsucht um 40 Prozent gestiegen
Langzeitrisiken für Patienten nicht vollständig erforscht

Datum: 08.11.2010 / Kategorie: Wissenschaft / Statistiken / Studien / Zahlen

Stuttgart

Der Trend zur chirurgischen Behandlung von Fettleibigkeit (Adipositas), bei der beispielsweise der Magen stark eingeengt wird, nimmt immer mehr zu: 136 Versicherte der AOK Baden-Württemberg wurden 2008 operiert. 2009 waren es bereits 188 – ein Anstieg um rund 40 Prozent. „Wir beobachten diesen Trend mit Sorge. Die Operation ist kein schnelles Allheilmittel, sondern ein schwerer chirurgischer Eingriff, der mitunter nicht mehr rückgängig zu machen ist“, sagt Dr. Christopher Hermann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. Sollte die operative Methode immer öfter zur ersten Wahl werden, bestehe die Gefahr, dass immer häufiger viel zu früh und unnötig zum Messer gegriffen wird, ohne alle anderen Mittel zur dauerhaften Gewichtsreduktion vorher auszuschöpfen.

Der Grund für diese Entwicklung liegt für Hermann auf der Hand: „Die Bekämpfung von Übergewicht ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Jeder zweite erwachsene Deutsche ist übergewichtig, jeder fünfte Bürger gilt als fettleibig. Mit der chirurgischen Behandlung wurde eine lukrative Nische entdeckt, für die aufwendiges Marketing betrieben wird.“

Bevor eine Operation überhaupt in Frage kommt, müssen laut AOK dringend alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Dazu gehören beispielsweise ein ärztlich geleitetes Abnehmprogramm mit Bewegungstherapie und Herz-Kreislauf-Training sowie eine dauerhafte Änderung der Ess- und Bewegungsgewohnheiten. Die Patienten müssten zeigen, dass sie zu einer dauerhaften Änderung ihres Lebensstils in der Lage sind. Auch müsse geprüft werden, ob eine schwere seelische Störung vorliegt, die zuerst behandelt werden muss. Circa 50 Prozent der adipösen Patienten, die sich einem operativen Eingriff stellen, erfüllten die Kriterien einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung. Dass die operative Behandlung wirksam und in einigen wenigen Fällen auch sinnvoll ist, bestreitet Hermann nicht: „Viele Patienten verlieren nach dem Eingriff massiv an Gewicht und gewinnen zunächst an Lebensqualität. Studien zeigen, dass sich kurzfristig Stoffwechselwerte normalisieren und auch die Sterblichkeit abnimmt.“

Laut Dr. Rüdiger Freudenstein, Facharzt für Chirurgie, Fachreferatsleiter beim MDK Baden-Württemberg, führten allerdings viele operative Verfahren zu einem Mangel an kaum ersetzbaren Mikronährstoffen, was langfristig negative Folgen haben kann. Andere Verfahren wiederum verursachen wegen eingesetzter Fremdkörper mechanische Störungen. Zudem sei danach eine lebenslange Nachbehandlung und Lebensstiländerung notwendig. Dr. Freudenstein: „Wird diese nicht konsequent umgesetzt, kann es sogar zu lebensbedrohlichen Zuständen kommen. Das ganze Ausmaß der Spätfolgen ist nicht bekannt – langjährige Evaluierungen können mit der von der Industrie unterstützten Neueinführung von Operationsverfahren nicht Schritt halten.“

Die AOK fordert, den drohenden Wildwuchs an Adipositas-Operationen zum Schutz der Patienten einzudämmen. Dr. Freudenstein: „Einige Verfahren werden noch in Erprobungsstadien angewandt, keines unterliegt einer verpflichtenden bundesweiten Qualitätssicherung.“ Jedes Krankenhaus auch ohne spezielle Qualifikationen könne diese anbieten. Schon die Operation berge viele Risiken. Bei fast jeder Vierten komme es zu Komplikationen. „Wir benötigen deshalb eine Zertifizierung und verpflichtende Qualitätssicherung von operativen Adipositaszentren“, so Hermann.

In erster Linie müsse jedoch die Prävention von Übergewicht und Fettleibigkeit im Vordergrund stehen. Die AOK Baden-Württemberg biete beispielsweise eine Vielzahl von Kursen und Veranstaltungen zur Gewichtsreduktion sowie spezielle Ernährungs- und Bewegungsangebote an. Mit den Präventionsprogrammen „ScienceKids: Kinder entdecken Gesundheit“ und „TigerKids: Kindergarten aktiv“ betreibe sie auch bereits Prävention in Schulen und Kindergärten.

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