Rote Karte für die Stoppuhr in der Pflege

AOK Baden-Württemberg fordert: neue Begutachtungssystematik schnell erproben

Datum: 13.02.2014 / Kategorie: Pflege und Rehabilitation

Stuttgart

Bis zum Jahr 2030 werden in Baden-Württemberg als Folge des gesellschaftlichen und demographi­schen Wandels rund 54.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Mit der überfälligen Reform des Pflegesektors muss aus Sicht der AOK Baden-Württemberg die große Chance genutzt werden, die Strukturen nachhaltig und bedarfsgerecht aufzustellen. Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, sprach sich dafür aus, die im Koalitionsvertrag der Großen Koalition vorgesehene Erprobung der neuen Be-gutachtungssystematik auf ihre Praktikabilität ohne weitere Verzögerungen anzugehen. Anlässlich der Fachtagung „Pflege – jetzt!“ bot er an, die Kompetenz der AOK Baden-Württemberg unmittelbar zur Ergänzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs einzubringen.

„Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, stellte Hermann fest und es sei höchste Zeit, die Strukturen bedarfsgerecht zu gestalten. Weite Teile der Bevölkerung wünschten sich einerseits im Alter ein selbstbestimmtes Leben, hätten andererseits jedoch die Sorge, zu einem Pflegefall zu werden. „Die Pflegereform muss Leistungsverbesserungen für Pflegebedürftige bringen. Daher unterstützen wir die Festlegungen im Koalitionsvertrag, die die richtige Richtung einschlagen“, betonte Hermann. „Wir wollen aktiv vorangehen und gemeinsam mit den Leistungserbringern zukunftsorientierte Angebote in Baden-Württemberg schaffen.“

Neben dem gesellschaftlichen und demographischen Wandel steht der wachsende Bedarf an Pflegekräften im Blickfeld. Angesichts der wachsenden Zahl an Pflegebedürftigen bei gleichzeitigem Rückgang von pflegenden Angehörigen, rechnet das Statistische Landesamt Baden-Württemberg mit einem Bedarf von 54.000 zusätzlichen Pflegekräften bis 2030.

Diesen Aspekt griff Frau Prof. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld auf. Die Expertin aus dem Bereich der Pflegewissenschaften machte deutlich, dass aus diesem Grund die weitere Professionalisierung der Pflege unverzichtbar sei und vorangetrieben werden müsse. „Wir müssen die Pflegeberufe attraktiver machen und uns darum kümmern, dass ihre gesellschaftliche Anerkennung wächst“, sagte sie. „Pflegekräfte übernehmen immer mehr anspruchsvolle und auch medizinnahe Aufgaben. Deshalb geht es auch um die Frage der Höherqualifizierung in diesem Bereich.“ Damit ältere Menschen ihre Lebensqualität wahren und ihre Autonomie so lange wie möglich aufrechterhalten können, müsse man zusätzlich über neue integrative Versorgungsmodelle nachdenken. Es gelte die ambulante Pflege weiterzuentwickeln und das Zuhause älterer Menschen als Gesundheitsstandort in den Blick zu nehmen.

Eine Reform, die Pflegebedürftigkeit als Ansatzpunkt der Versorgung in den Mittelpunkt stellt, wird nicht zum Nulltarif machbar sein. Die Frage, wie eine stabile und nachhaltige Finanzierung der Pflege strukturiert sein sollte, nahm Prof. Heinz Rothgang, Professor für Gesundheitsökonomie an der Universität Bremen, in den Fokus. „Die stetig wachsende Zahl Pflegebedürftiger in den kommenden Jahren und Jahrzehnten lässt die Kosten für die Versorgung deutlich steigen. Eine Privatisierung der Kosten im Sinne freiwilliger Zusatzversicherungen erscheint dabei wenig erfolgversprechend. Stattdessen sollte die Soziale Pflegeversicherung in ihrer Substanz gestärkt werden. Die Pläne der Großen Koalition gehen hier durchaus in die richtige Richtung. Dies betrifft insbesondere die vorgesehene Beitragssatzanhebung, weil dadurch die Leistungen verbessert werden können“, sagte Rothgang. „Mit Blick auf die Generationengerechtigkeit schießt der vorgesehene Pflegevorsorgefonds als Nebenkasse mit niedrigen Habenzinsen jedoch am Ziel vorbei. Für eine nachhaltige Finanzierung der Pflege bietet sich vielmehr eine Zusammenführung der sozialen mit der privaten Pflegeversicherung an.“

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion diskutierten die Experten gemeinsam mit Sylvia Kern, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg, die Herausforderungen einer zukunftsorientierten Pflege. Zur Fachtagung „Pflege – Jetzt!“ kamen Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlichster Einrichtungen des Pflegesektors im Stuttgarter Rathaus zusammen.

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