Weiterer Rückgang der Fallzahlen

Fallzahlenentwicklung während der Pandemie könnte einen Strukturwandel befördern

»Hauptverantwortlich für die aktuelle Entwicklung sind die in der Omikron-Welle hohen Infektionszahlen in der Bevölkerung. Die Folge sind auch Personalengpässe in den Krankenhäusern.«

Dr. Ralph Bier, Krankenhausexperte bei der AOK Baden-Württemberg

Datum: 05.04.2022 / Kategorie: Krankenhäuser

Stuttgart

Im vergangenen Jahr haben sich die Fallzahlen in den Krankenhäusern in Baden-Württemberg etwa auf dem Niveau des ersten „Pandemie-Jahres“ 2020 eingependelt. Das zeigt eine aktuelle Auswertung zum Erscheinen des diesjährigen Krankenhaus-Reportes des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) auf Basis der Abrechnungsdaten der stationär behandelten AOK-Versicherten. Danach war 2021 bei den somatischen Fällen ein Rückgang von 13 Prozent gegenüber 2019 festzustellen, nachdem bereits 2020 die Fallzahlen um 13 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 abgesunken waren. Mit Blick auf planbare Operationen und ambulant-sensitive Indikationen könnten diese Erfahrungen einen notwendigen Strukturwandel vorantreiben.

 

„Hauptverantwortlich für die aktuelle Entwicklung sind die in der Omikron-Welle hohen Infektionszahlen in der Bevölkerung. Die Folge sind auch Personalengpässe in den Krankenhäusern aufgrund von Erkrankungen, aber auch aufgrund der Quarantäne-Regelungen. Dies führt wiederum zu Absagen von planbaren Behandlungen und Operationen“, sagt Dr. Ralph Bier, Krankenhausexperte bei der AOK Baden-Württemberg. Nach wie vor Anlass zur Sorge geben nach Einschätzung von Dr. Bier die Entwicklungen im Bereich der Notfallversorgung: Beim Herzinfarkt waren 2021 insgesamt 10 Prozent weniger Krankenhaus-Behandlungen in Baden-Württemberg festzustellen als 2019 (2020: minus 9 Prozent). Die Zahl der Schlaganfall-Behandlungen lag 2021 im Südwesten um 6 Prozent niedriger als im Vergleichsjahr 2019 (2020: minus 5 Prozent). „Wir gehen davon aus, dass in den Kliniken vor allem die schwereren Fälle angekommen sind“, so Dr. Ralph Bier. Bei diesen schweren Fällen sei auch eine höhere 30-Tage-Sterblichkeit im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie festzustellen. „Die Verschiebung hin zu einem höheren Anteil schwererer Fälle mit höherer Sterblichkeit ist ein Hinweis darauf, dass Patientinnen und Patienten mit milderen Symptomen vielfach nicht oder nur verzögert den Rettungsdienst alarmiert haben“, so Bier.

 

Bei den Brustkrebs-OPs in Baden-Württemberg gab es 2021 mit plus 1 Prozent sogar einen leichten Anstieg gegenüber 2019 (2020: minus 7 Prozent), während bei den Darmkrebs-Operationen der Rückgang mit minus 15 Prozent stärker ausgeprägt war als im ersten Pandemie-Jahr (2020: minus 9 Prozent). Außerdem wurden bundesweit in den Krankenhäusern pandemiebedingt weniger Darmspiegelungen durchgeführt (minus 15 Prozent im Jahr 2020, minus 18 Prozent im ersten Halbjahr 2021). Da bei vielen Darmkrebs -Operation auch eine stationäre Darmspiegelung durchgeführt wird, ist dieser parallele Abfall erklärlich. „Es besteht grundsätzlich die Gefahr, dass fehlende Diagnostik und spätere Behandlung zu mehr schweren Krebserkrankungen, höheren Tumorstadien bei der Erstdiagnostik und einer Erhöhung der Sterblichkeit führen“, so Bier. In den Krebsregistern seien diese Effekte bisher allerdings noch nicht sichtbar; die Daten müsse man weiter im Blick behalten.

 

Bei den planbaren Operationen wie der Implantation künstlicher Hüftgelenke (2021: minus 7 Prozent, 2020: minus 7 Prozent) oder der Entfernung der Gebärmutter bei gutartigen Erkrankungen (2021: minus 20 Prozent, 2020: minus 18 Prozent) bewegen sich die Rückgänge im Südwesten ungefähr auf dem gleichen Niveau wie im ersten Pandemie-Jahr. Sie haben sich aber in der vierten Pandemiewelle Ende 2021 deutlich abgeschwächt. Auffällig ist der anhaltende Einbruch bei den Mandelentfernungen (2020: minus 35 Prozent, 2021: minus 48 Prozent) in Baden-Württemberg. „Bei diesen Operationen handelt es sich um Eingriffe, die etwa mit Blick auf OP-Häufigkeiten im internationalen Vergleich zu häufig und teilweise ohne leitliniengerechte Indikationsstellung durchgeführt werden. Es scheint so, dass die Pandemie zu einem Abbau von Überversorgung bei diesen Eingriffen geführt hat. Eine vollständige Rückkehr zum Fallzahl-Niveau vor der Pandemie ist vor diesem Hintergrund sicher nicht erstrebenswert“, sagt Dr. Ralph Bier. Dies gelte erst recht für die sogenannten „ambulant-sensitiven“ Krankenhausfälle, die nach Einschätzung des Experten häufig auch ohne Qualitätsverlust ambulant versorgt werden könnten. Hier gab es in Baden-Württemberg 2020 und 2021 durchgängig starke Fallzahl-Rückgänge, die auch in den Sommermonaten zwischen den Pandemiewellen anhielten. Sie reichten 2021 von minus 13 Prozent bei Herzinsuffizienz-Behandlungen bis zu minus 34 Prozent bei der Behandlung der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung COPD.

 

Dass ein Teil ambulant-sensitiver Krankenhauseinweisungen bei vorausschauender ambulanter Versorgung vermeidbar ist, hat sich in Baden-Württemberg auch schon in den Evaluationen von Haus- und FacharztProgramm, gerade auch im Fachgebiet der Kardiologie gezeigt. Diese Evaluationen zeigten einen Rückgang bei den stationären Therapien, gleichzeitig aber auch erste Hinweise auf ein längeres Überleben bei Teilnehmern des Haus- und FacharztProgramms mit kardiovaskulären Erkrankungen im Vergleich zur Regelversorgung. „Es liegt auf der Hand, dass die Erkenntnisse zur Fallzahlentwicklung während der Pandemie helfen können, einen dauerhaften Strukturwandel zu befördern. Jedenfalls sollten sie im Rahmen der aktuell anstehenden Krankenhaus-Reform aufgegriffen werden“, fordert Bier.

 

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