10 Jahre Hausarztzentrierte Versorgung im Landkreis Schwäbisch Hall

Ärzte und AOK ziehen eine positive Bilanz Vor 10 Jahren wurde vom Hausärzteverband, MEDI und der AOK Baden-Württemberg der bundesweit erste Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung (HZV) unterzeichnet. Damit wurde der Hausarzt als Lotse im Gesundheitssystem etabliert. Vor der Bundespressekonferenz in Berlin haben die Spitzen der Organisationen nun eine Bilanz gezogen und den HZV als Modell für eine bessere Versorgung für die gesamte Republik empfohlen. Landesweit nehmen 1,6 Millionen AOK-Versicherte am Hausärztevertrag teil. Auf Medizinerseite sind rund 5.000 Hausärzte inklusive Kinder- und Jugendärzte im Rahmen des Vertrages aktiv. Hinzu kommen knapp 2.500 Fachärzte, die rund 640.000 AOK-Kunden im Facharztprogramm betreuen.

Datum: 11.10.2018 / Kategorie: AOK-Hausarztprogramm

Schwäbisch Hall

Wie aber beurteilen Akteure im Landkreis Schwäbisch Hall den Hausärztevertrag. „Nach zehn Jahren intensiver Arbeit ist es gelungen, den HZV als alternative Regelversorgung zu verankern, die allen Beteiligten nutzt: unseren Versicherten, der Ärzteschaft und der AOK“, stellt Michaela Lierheimer, Geschäftsführerin der AOK Bezirksdirektion Heilbronn-Franken, fest. „Mit dem Hausärztevertrag wurde erfolgreich ein neuer Weg beschritten, der die ambulante Versorgung vor Ort nachhaltig stärkt“, unterstreicht die Vorsitzende der Kreisärzteschaft Dr. Elisabeth Koerber-Kröll.

 

Im Landkreis Schwäbisch Hall nutzen die HZV 60.372 AOK-Versicherte, die sich an 101 Ärzte wenden können. In Facharztverträgen sind 43 Mediziner aktiv, die sich um 23.966 Patienten kümmern. In der gesamten Region Heilbronn-Franken beteiligen sich 428 Hausärzte, die mehr als 200.000 AOK-Patienten behandeln. Hinzu kommen 200 Fachärzte der Bereiche Kardiologie, Gastroenterologie, Psychiatrie/Neurologie/ Psychotherapie (PNP), Orthopädie, Rheumatologie, Urologie und Diabetologie, denen knapp 82.000 Versicherte der Gesundheitskasse vertrauen. „Der Anteil von 78 Prozent aktiven HZV-Ärzten in Heilbronn-Franken ist landesweit Spitze. Gleiches gilt für die Teilnahmequote von 50 Prozent unserer AOK-Kunden“ so Michaela Lierheimer. Die Gruppe der über 50-Jährigen stellten überdies die Mehrzahl der eingeschriebenen HZV-Versicherten dar. Die Vorteile der hausarztzentrierten Versorgung kämen damit vor allem denen zu Gute, die dies besonders benötigten.

 

Durch die HZV werde ich als Allgemeinmediziner gestärkt“, betont Dr. Rainer Matysik aus Bühlertann. Als qualifizierte „Rundum-Versorger“ vor Ort behandle er nicht nur alle Patienten, sondern stehe als Koordinator im engen Austausch mit seinen Fachkolleginnen und -kollegen. „Ich habe zum Nutzen meiner Patienten den Überblick und steuere damit die Behandlung“, ergänzt Dr. Eveline Großmann, die in Schwäbisch Hall eine Praxis führt und ihren Schwerpunkt in der Diabetologie hat. Durch HZV würden Fehlmedikation sowie unnötige und belastende Doppeluntersuchungen vermieden. Außerdem seien die im HZV-Vertrag vorgesehenen engmaschigen Betreuungsmodule für die Gesundheit chronisch erkrankter Personen bedeutsam.

 

Diese Feststellung belegen die seit zehn Jahren begleitenden Evaluationen der Universitäten Frankfurt/Main und Heidelberg. HZV-Patienten mit koronaren Herzerkrankungen weisen pro Jahr 1.900 weniger Krankenhausaufenthalte und ca. 17.000 Krankenhaustage weniger aufgrund kürzerer Liegezeiten auf. Bei Diabetikern sind deutlich weniger schwerwiegende Komplikationen zu beobachten. Über einen Beobachtungszeitraum von sechs Jahren (2011 bis 2016) wurden ca. 4.000 schwerwiegende Komplikationen wie Amputation, Dialyse, Erblindung, Herzinfarkt oder Schlaganfall in der HZV-Gruppe vermieden. Bei Betrachtung des Fünf-Jahres-Zeitraums 2012 bis 2016 zeigt sich für Professor Joachim Szecsenyi von der Uni Heidelberg, dass das Risiko zu versterben in der HZV geringer ist, als in der Regelversorgung. Das zugrundeliegende statistische Überlebenszeitmodell weist eine Zahl von knapp 1.700 verhinderten Todesfällen in der HZV aus.

 

Auch die Ärzte profitieren. „Die leistungsgerechte Honorierung in festen Eurobeträgen ohne Budgetierung sichert die wirtschaftliche Zukunft unserer Praxen und bietet Planungssicherheit für Investitionen und laufende Kosten“, sagt Dr. Eveline Großmann. Und mit der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis - der VERAH- steht die HZV für moderne, teamorientierte Praxisstrukturen. Denn die VERAH entlastet die Mediziner etwa bei der Versorgung der älteren und multimorbiden Patienten. Sie führt Hausbesuche durch und übernimmt medizinische Tätigkeiten Patienten, die nicht zwingend vom Arzt geschehen müssen. „HZV-Praxen seien, so die Überzeugung des Ärztetrios, für die Übernahme durch den ärztlichen Nachwuchs erheblich attraktiver und damit auch ein Mittel gegen den Ärztemangel im ländlichen Raum.

 

Die AOK-Versicherten im HZV profitieren außerdem von zusätzlichen Serviceleistungen. Dazu zählt die Begrenzung der Wartezeit, bei Bedarf für Berufstätige eine Abendsprechstunde, im Bedarfsfall die zeitnahe Vermittlung von Facharztterminen, zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen, die Befreiung von Zuzahlungen und die Teilnahme am AOK- Facharztprogramm. Jährlich durchgeführte Umfragen unabhängiger Forschungsinstitute belegen die Attraktivität der HZV. Demnach sind 95 Prozent der Befragten sehr zufrieden und 90% würden den HZV-Vertrag weiterempfehlen. Hauptgründe sind für 89 Prozent die Koordination der Behandlung durch den Hausarzt, für 79 Prozent die bessere Zusammenarbeit der Ärzte und für 76 Prozent kurze Wartezeiten beim Hausarzt mit weniger als einer halben Stunde.

 

Obwohl der Hausarztvertrag für die AOK Baden-Württemberg mit hohen Ausgaben verbunden ist, lohnt er sich in der Endabrechnung. 2017 investierte die AOK Baden-Württemberg 618 Millionen Euro in die Hausarzt- und Facharztverträge. Die Gesundheitskasse hätte demnach im gleichen Zeitraum in der Regelversorgung rund 50 Millionen Euro mehr ausgegeben. „Die Investitionen sind sehr gut angelegtes Geld, weil sie vor allem der Gesundheit unserer Versicherten zu Gute kommen“, bilanziert Michaela Lierheimer.

 

Die HZV entwickelt sich im übrigen weiter: Mit Nephrologie, Pulmologie und HNO wird die Alternative Regelversorgung der Facharztverträge 2019 erweitert. Außerdem werden die durch den HZV vernetzten Haus- und Fachärzte zunächst mit drei IT-Anwendungen im ersten Quartal 2019 sukzessive digitale Strukturen aufbauen. Der elektronische Arztbrief wird erstmals klar definierte Informationen bei Überweisung und Rücküberweisung strukturiert und damit digital verarbeitbar in Echtzeit zur Verfügung stellen. Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (E-AU) vereinfacht und beschleunigt die Verarbeitung, so dass zum Beispiel Krankengeld noch schneller an die langzeiterkrankten Versicherten überwiesen werden kann. Das elektronische Medikationsdossier (Hauskomet) zeigt allen an der Behandlung beteiligten und an der Vernetzung mitwirkenden Praxen die medikamentöse Therapie an, Änderungen oder Ergänzungen von Fachärzten würden angezeigt und protokolliert.

 

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Dr. René Schilling

Pressesprecher

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