Alkoholmissbrauch macht vor dem Alter nicht halt - besser helfen lassen, anstatt vertuschen

AOK-Auswertung: Komatrinken bei Senioren keine Seltenheit

Datum: 10.10.2017 / Kategorie: Wissenschaft / Statistiken / Studien / Zahlen

Bodensee-Oberschwaben

Im fortgeschrittenen Alter ein Gläschen in Ehren. Wer kann das verwehren? Leider geht es immer häufiger um mehr als ein Glas Wein oder Bier am Tag. Alkoholabhängigkeit ist in allen Altersgruppen ein Problem. Verdrängt wird, dass suchtartiges Trinken nicht nur bei jüngeren Menschen vorkommt, sondern auch ein Altersphänomen ist. Ein problematisches Trinkverhalten ist aber bei Senioren nicht immer leicht auszumachen. Häufig werden die Folgen eines Alkoholproblems oder einer Alkoholsucht mit Alterserscheinungen und altersbedingten Schwächen verwechselt. Der Verlust des Reaktionsvermögens und der Koordination, Schlafstörungen, Orientierungslosigkeit oder die Nachlässigkeit bei der Hygiene können zwar altersbedingt sein oder aber auf einen zu hohen Alkoholkonsum hinweisen.

 

Alkoholmissbrauch im Alter ist oft weniger auffällig als bei Jugendlichen. Während übermäßiges Trinken bei Jugendlichen eher in der Öffentlichkeit stattfindet, ziehen sich Ältere mit Alkoholproblemen oft stark zurück. Alexandra Schmid vom Sozialen Dienst der AOK – Die Gesundheitskasse Bodensee-Oberschwaben unterstützt mit ihrem Team Menschen in einer schwierigen Lebenssituation. Dazu gehören auch Personen mit Süchten oder einem riskanten Umgang mit Genussmitteln. Häufige Gründe können sein: der Verlust des Partners, Trauer, Einsamkeit, Angst, Ungewissheit, Langeweile oder der Umbruch mit Beginn des Rentenalters.

 

Im vergangenen Jahr waren in der Region Bodensee-Oberschwaben 458 Versicherte über 50 Jahren wegen Alkoholmissbrauch stationär in Behandlung (Landkreis Ravensburg: 229, Landkreis Sigmaringen: 118, Bodenseekreis: 111). Die Fälle reichen von akuter Alkoholvergiftung bis zur Alkoholsucht. Da circa die Hälfte der Bevölkerung bei der AOK versichert ist, dürfte in der Region Bodensee-Oberschwaben die Gesamtzahl der in einem Krankenhaus Behandelten wegen übermäßigem Alkoholkonsum rund doppelt so hoch sein. Grundsätzlich muss man auch eine hohe Dunkelziffer von Personen berücksichtigen, die sich nicht stationär behandeln lassen und auch nicht mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen.

 

Im Jahr 2008 lag die Zahl der stationär aufgenommen Versicherten wegen Alkoholsucht im Landkreis Ravensburg bei 193, im Landkreis Sigmaringen bei 74 und im Bodenseekreis bei 76. Die Auswertung zeigt: Die Zahlen weisen einen negativen Trend auf. Auffällig sind die Zahlen im Landkreis Ravensburg – vor allem bei den Männern. Auf den ersten Blick erscheinen die erkrankten Betroffenen deutlich erhöht. Wirft man einen zweiten Blick auf die letzten Jahre ist die Entwicklung sogar rückläufig (2013: 232, 2014: 227, 2015: 205, 2016: 176). Die Frauen dagegen machen davon den geringeren Teil aus (2013: 80, 2014: 88, 2015: 36, 2016: 53). Männer sind (außer in der Altersgruppe der 10 bis 19-Jährigen) zwischen zwei bis vier Mal häufiger betroffen als Frauen in der jeweiligen Altersgruppe.

 

Das rechte Maß zu finden, ist schwierig, denn der ältere Körper verträgt Alkohol weniger gut. Da der Wasseranteil sinkt, ist der Promillegehalt bei gleichem Konsum höher als bei jüngeren Menschen. Die Folgen: Das Zellgift wird langsamer abgebaut und das Gehirn reagiert sensibler darauf. Da es ähnlich wirkt wie Fett, kann es zudem zu Diabetes führen, Herz, Kreislauf und Muskulatur schädigen. Besonders problematisch ist die Kombination von Alkohol und Medikamenten, die im höheren Alter aufgrund chronischer Krankheiten, wie beispielsweise Bluthochdruck, Osteoporose oder Herzschwäche, eingenommen werden. Zwischen den Wirkstoffen vieler Medikamente und Alkohol kann es zu gesundheitsschädigenden und sogar gefährlichen Wechselwirkungen kommen. Mit dem Arzt sollte geklärt werden, ob trotz der erforderlichen Medikamente Alkohol getrunken werden darf.

 

Experten räumen ein, dass die Sucht oft schleichend beginnt und von den Betroffenen aus Scham verheimlicht wird. Wer als Angehöriger oder Freund einen Verdacht hegt, sollte Betroffene – möglichst ohne Vorwürfe zu erheben – darauf ansprechen, rät Alexandra Schmid. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Lösung, kann der nächste Weg zu einer Suchtberatungsstelle führen. Ein wichtiger Schritt: Denn wer meint, das Suchtverhalten entschuldigen, decken und kontrollieren zu können, erleidet meist Schiffbruch und leidet schließlich mit. Angehörige sollten daher auf eine Behandlung drängen. „Menschen mit Alkoholproblemen müssen die Verantwortung für sich zurückerlangen“, weiß die AOK-Expertin. Wer die ersten Hürden zur Behandlung genommen hat und wieder das Ziel vor Augen sieht, seine Würde zurückzugewinnen, hält erfahrungsgemäß durch.

 

 

 

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