„Best Ager“ trinken sich ins Koma

Für viele Frauen und Männer ist Alkoholmissbrauch nach wie vor ein Tabu-Thema – und deshalb begeben sie sich auch nicht in ärztliche Behandlung. Folglich ist die Dunkelziffer hoch. Aber auch bereits die jetzt ermittelten fundierten Zahlen, die die AOK-Bezirksdirektion Heilbronn-Franken aufgrund der vorliegenden Daten veröffentlicht hat, geben Anlass zur Sorge. Demnach waren im zurückliegenden Jahr in Baden-Württemberg insgesamt 19.435 Versicherte wegen alkoholbedingter Störungen in stationärer Behandlung – und fast die Hälfte davon war über 50 Jahre alt. In Heilbronn wurden 2016 insgesamt 286 und im Hohenlohekreis 84 Über-50-Jährige wegen Komatrinkens ärztlich behandelt. Die Fachleute der Suchtberatungsstellen gehen davon aus, dass „dies nur die Spitze des Eisbergs ist“.

Datum: 11.09.2017 / Kategorie: Wissenschaft / Statistiken / Studien / Zahlen

Heilronn-Hohenlohe

Wie diese erschreckenden Fakten deutlich machen, ist das so genannte Koma-Trinken also durchaus nicht nur ein Problem bei jungen Erwachsenen und Heranwachsenden, sondern bei allen Altersgruppen. Besonders häufig ist dies bei Menschen ab 50 Jahren zu beobachten. Wegen alkoholbedingter Störungen wurden laut AOK-Statistik fast 0,5 Prozent ihrer Versicherten über 50 Jahre stationär behandelt – wobei Männer mit 0,8 Prozent etwa viermal so viel betroffen waren wie Frauen (0,2 Prozent). Generell besteht die Problematik außer in der Altersgruppe der Zehn- bis 19-Jährigen im Übrigen bei Männern zwei- bis viermal so oft wie bei Frauen – und bei beiden Geschlechtern ist die Altersgruppe zwischen 50 und 54 Jahren trauriger Spitzenreiter.

 

Die Statistik der AOK zeigt weiter, dass im Verlauf der zurückliegenden zehn Jahre immer mehr ältere Menschen wegen einer alkoholbedingten Erkrankung in stationäre Behandlung mussten. Im Jahr 2008 etwa waren es in Baden-Württemberg pro 100.000 Versicherte noch 776 Männer und 171 Frauen in dieser Altersgruppe. Bis 2014 gab es dann einen Anstieg auf 866 Männer und 208 Frauen. Seitdem sind die Zahlen wieder leicht rückläufig, aber nach wie vor vergleichsweise hoch: 2016 waren statistisch von 100.000 Versicherten 825 Männer und noch immer 208 Frauen betroffen

 

Der Blick auf die detaillierte Entwicklung der Problematik in Stadt- und Landkreis Heilbronn weist eine ähnliche Tendenz auf wie im Land. Hier stieg die Anzahl stationärer Behandlungsfälle wegen alkoholbedingter Störungen bei über 50-Jährigen zwischen den Jahren 2008 und 2016 von 249 auf 286. Im Hohenlohekreis stieg die Behandlungsrate im gleichen Zeitraum von 69 auf 84. Die AOK Heilbronn-Franken rät in jedem Fall dringend dazu, sich beim Verdacht auf alkoholbedingte Störungen an eine Beratungsstelle zu wenden. In den Landkreisen Heilbronn und Hohenlohe kooperiert sie dabei mit den Fachstellen Sucht des baden-württembergischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation.

 

Die AOK betont mit Blick auf die jetzt vorgelegten Zahlen ausdrücklich, dass die Dunkelziffer der von alkoholbedingten Störungen betroffenen Männer und Frauen deutlich höher ist als die jetzt vorgelegten Zahlen. Bei der Erhebung konnten lediglich Versicherte ermittelt werden, die sich tatsächlich in ärztlicher Behandlung befanden. Patienten mit alkoholbedingten Störungen bleiben erfahrungsgemäß nämlich häufig sehr lange unbehandelt oder ihrerseits erst sehr spät zum Arzt gehen – nicht zuletzt auch deshalb, weil Alkoholismus auch weiterhin ein starkes Tabu-Thema in der Gesellschaft ist und die Erkrankung bei Betroffenen häufig erhebliche Scham-Gefühle erzeugt.

 

Während landesweit die Krankenhausbehandlungen wegen Alkoholmissbrauchs seit 2011 im langfristigen Mittel sinken, bleiben sie in Heilbronn und Hohenlohe nahezu konstant. Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren zur Flasche greifen. AOK-Ärztin Dr. Sabine Knapstein: „Trotz der positiven Langzeitentwicklung beim Komatrinken zeigen die aktuellen Daten für 2016, dass noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muss“. Alkoholmissbrauch stelle nach wie vor eines der gravierendsten Gesundheitsprobleme unserer Gesellschaft dar. Die Behandlungskosten durch Komatrinken beliefen sich im Jahr 2016 landesweit immer noch auf mehr als 5,9 Millionen Euro.

 

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