Kreis Böblingen: Zwei Drittel der Hochbetagten im Landkreis beziehen Pflegeleistungen

Die Pflegeversicherung wird dieses Jahr 25 Jahre. 1995 wurde sie als eigenständiger Zweig der Sozialversicherung eingeführt. Ausgangspunkt war die eigentlich erfreuliche Entwicklung, dass die Menschen immer älter werden; doch damit auch häufiger pflegebedürftig. Die Sozialhilfe und die auszahlenden Kommunen konnten die steigenden Kosten hier nicht mehr auffangen und so führte der Gesetzgeber die bis dato nicht vorhandene fünfte Säule der Sozialversicherung ein. Der sich damals abzeichnende demographische Trend hat sich heute fest etabliert: Die Menschen werden immer älter. Auch im Landkreis Böblingen. „Gleichzeitig bleibt die Pflegeversicherung der richtige Ansatz, um die Herausforderungen des demographischen Wandels anzugehen – aber sie muss ständig angepasst und weiterentwickelt werden“, so Achim Abele, Leiter des CompetenceCenters Pflege bei der AOK Stuttgart-Böblingen.

Datum: 28.01.2020 / Kategorie: Gesundheit und Prävention

Kreis Böblingen

Die Zahl der Pflegebedürftigen ist laut AOK-Statistik im Landkreis Böblingen in den letzten fünf Jahren deutlich angestiegen. So stieg die Anzahl der AOK-Versicherten im Landkreis von 7.077 im Jahr 2014 auf 9.204 in 2018 (2015: 7.665; 2016: 8.137; 2017: 8.689). Den größten Anteil machen Menschen ab einem Alter von 85 Jahren aus. Hier beziehen zwei von drei Versicherten Pflegeleistungen.

 

Achim Abele: „Pflegebedürftigkeit ist eine finanzielle, körperliche und auch eine seelische Belastung. Genau hier greifen die Leistungen und Mittel der sozialen Pflegeversicherung: Die Pflege wird dadurch insgesamt erleichtert und die pflegebedürftigen Menschen – und auch deren Angehörige – spürbar entlastet.  Es muss allerdings dringend geprüft werden, ob die Ausgestaltung der Pflegeversicherung mit den Versorgungswirklichkeiten im Hinblick auf Bedarfe, Bedürfnisse und Finanzierbarkeit noch übereinstimmt.“ Der Beitragssatz der Pflegeversicherung stieg zum 1. Januar 2017 um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 bzw. 2,8 Prozent für Kinderlose sowie zum 1. Januar 2019 auf 3,05 bzw. 3,3 Prozent.

 

„Es gilt, zwei große Probleme zu lösen“, so der Leiter des CompetenceCenters der AOK Stuttgart-Böblingen: „Den Fachkräftemangel im Pflegebereich und die Finanzierung bei steigenden Pflegezahlen.“ Beim Fachkräftemangel gelte es, die Attraktivität der verantwortungsvollen Pflegeberufe zu stärken. Nach einer von der AOK Baden-Württemberg in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage antworteten auf die Frage, ob bei einer erneuten Berufswahl oder Umschulung ein Pflegeberuf in Frage käme, 93 Prozent der Befragten mit „nein, auf keinen Fall“ (54 Prozent) oder „wahrscheinlich nicht“ (39 Prozent). Die drei Hauptgründe dafür sind der Umfrage zufolge „die Bezahlung ist zu schlecht“ (62 Prozent), „die Arbeitsbedingungen sind schlecht“ (56 Prozent) und „die psychische Belastung ist zu hoch“ (54 Prozent).

 

Der so genannte Pflegenotstand ist zwischenzeitlich auch in der Politik angekommen und Maßnahmen wie etwa die Reform der Pflegeberufsausbildung, das so genannte Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz oder die Konzertierte Aktion Pflege von Bundesgesundheits-, -arbeits- und -sozialministerium wurden auf den Weg gebracht. Doch hier schließt sich das zweite Problem an: die Finanzierung – sowohl der neu beschlossenen Maßnahmen wie auch der konkreten Leistungskosten aus der Pflegeversicherung. Denn: Pflegebedingte Kosten – unabhängig davon, ob es um die Pflege zuhause, im Betreuten Wohnen oder in einem Pflegeheim geht – sind längst nicht mehr für alle Menschen zu finanzieren. „Pflege darf nicht zu Armut führen“, fordert Achim Abele. Daher sei eine strukturelle Neuaufstellung der Pflegeversicherung aufgrund der Entwicklungen dringend erforderlich.

 

Abele: „In der Pflegeversicherung ist bereits gefordert und seit Bestehen verankert, dass die pflegerische Versorgung der Bevölkerung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Es muss in Zukunft von allen Branchen eingefordert werden, genau diese Verantwortung tatsächlich konsequenter und auf weitere Branchen in zumutbarem Umfang mit zu verteilen. Alle sind in die Pflicht zu nehmen, so, wie es richtiger Weise bereits im Gesetz steht (§ 8 Abs. 3 SGB XI).“ 25 Jahre nach ihrer Einführung sei die Pflegeversicherung aufgrund der demografischen Entwicklungen und der daraus resultierenden Erfordernisse höchst komplex geworden. „Um die Versorgung insgesamt zukunftsorientiert erfolgreich aufstellen zu können“, so der AOK-Fachmann, „ist die umfassende systematische Verzahnung mindestens der Fachgebiete Prävention, Rehabilitation, Pflege und Medizin weiter auszubauen und zu professionalisieren.“ Das sei eine Aufgabe für alle Akteure im Gesundheits- und Pflegewesen.

 

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