Maskenpflicht problematisch für chronisch Erkrankte und Menschen mit Behinderung - Selbsthilfegruppen in Heilbronn-Franken bitten um mehr Rücksicht und Achtsamkeit

Datum: 15.05.2020 / Kategorie: Sonstiges

Heilbronn-Franken

Wenn der Ausbruch einer zweiten Infektionswelle verhindert werden soll, ist die Einhaltung der Gesundheits- und Hygieneregeln sowie die Maskenpflicht notwendig. Daran lässt Waltraud Joachim, die bei der AOK Heilbronn-Franken die Selbsthilfegruppen der Region betreut, keinen Zweifel. Dennoch wirbt die Leiterin des Sozialen Dienstes der Gesundheitskasse um Verständnis für chronisch Erkrankte und Menschen mit Behinderung. „Dieser durch die Coronakrise ohnehin stark belastete Personenkreis ist auf unser Verständnis und unsere Rücksichtnahme angewiesen, wenn sie keine Masken tragen können oder sich nur eingeschränkt in der Öffentlichkeit verständigen können.“

 

Beispielhaft dafür ist die Situation von Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen. Eine Maske sei recht und gut, um Mitmenschen zu schützen, berichtet Gabriele Sprich aus Neuenstadt am Kocher. „Ich selbst aber kann mich hierdurch nicht wirklich schützen. Durch die Maske auf der Nase entwickelt sich Feuchtigkeit und Bakterien entstehen. Meine ohnehin geschwächte Lunge wird so zusätzlich belastet.“

 

Aufgrund ihrer Atemwegserkrankung muss die Sprecherin der Selbsthilfe-Gruppe „Lungenemphysem-COPD Neckar-Franken-Heilbronn“ oft husten, durch die Maske werde dieser Hustenreiz weiter gefördert. Dies führe, so Gabriele Sprich, zu Unsicherheiten bei ihren Mitmenschen. „Viele schauen mich erschrocken an und flüchten aus meinem Umfeld.“ Die Möglichkeit, sich von der Maskenpflicht befreien zu lassen, sei vielen Betroffenen unbekannt. „Häufig werde ich auch als Selbsthilfegruppenleiterin danach gefragt. Hierbei würde ich mir mehr Aufklärung wünschen, auch von Seiten der Ärzte.“

 

Menschen mit Hörbehinderung hingegen hilft die Entbindung von der Maskenpflicht nicht. „Die Schwierigkeit für uns sind die Anderen, deren Maske uns das Ablesen bzw. Absehen vom Mund unmöglich macht“, erzählt Christian Hartmann, von der „Selbsthilfe Hörgeschädigter Heilbronn“. Cochlea Implantat-Träger sind darauf nicht zwingend angewiesen, weil sie mit dem Hilfsmittel hören können. Allerdings seien Masken und Trennscheiben schwierig, weil sie einen Teil des Schalls abhalten und die Akustik beeinträchtigten. „Bei Gesprächssituationen mit Hörbehinderten sind mehr Achtsamkeit und Ausnahmen erforderlich, indem man auf Abstand geht, die Maske abnimmt und so das Absehen ermöglicht. Es wäre schön, wenn die FAQ zur baden-württembergischen Corona-Verordnung entsprechend angepasst werden könnten“, fordert Christian Hartmann.

 

Anders erleben Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen die Situation. „Es ist schwierig, dementen Personen die Maskenpflicht zu erklären, denn sie können die Situation nur schwer nachvollziehen. So entstehen natürlich bei ihnen Ängste und das stellt die betreuenden Familienmitglieder vor eine Herausforderung“, erzählt Dr. Angela Weiß von der Selbsthilfe-Gruppe „Angehörige von Menschen mit Demenz Bad Mergentheim“. „Hilfreich ist die Internetseite der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg. Sie bietet viele Artikel mit Ratschlägen und Tipps, um den Demenzkranken und ihren Angehörigen durch die Corona Situation zu helfen.“

 

Menschen, denen Organe transplantiert wurden, verlangt die Corona-Krise besonders viel ab. „Wir gehören zur Hochrisikogruppe und nehmen die Schutzmaßnahmen besonders ernst. Viele Gruppenmitglieder gehen in Quarantäne und meiden Außenkontakte. Auch Angehörige verhalten sich vorsichtig, damit sie die Transplantierten nicht gefährden. Berufstätige versuchen mit dem Arbeitgeber Einsatzmöglichkeiten mit geringer Infektionsgefahr zu finden.“, erläutert der Gaildorfer Wilfried Hess von der Gruppe „Lebertransplantierte Deutschland e.V.“ Treffen und Seminare seien derzeit nicht möglich. Der Verband informiere aber per Post und E-Mail. Leider könne man frisch Transplantierte nicht in der Klinik aufsuchen und über ihre Fragen reden. Wilfried Hess: „Wir wissen leider nicht, wann wir diese wertvolle Unterstützung wieder anbieten können.“

 

Der Soziale Dienst der AOK Heilbronn-Franken führt derzeit viele Gespräche mit chronisch erkrankten Menschen und ihren Angehörigen, so Waltraud Joachim: Gerade jetzt seien die Sorgen und Ängste der Menschen noch größer als sonst. „Sie sind dankbar, wenn wir für sie da sind, zuhören und ihnen Sicherheit vermitteln.“ Die Klagen über die Einschränkungen durch die Corona-Krise kennt auch Waltraud Joachim. „Wir sollten aber nicht die aus dem Auge verlieren, die gegenwärtig besonders gefährdet und noch isolierter und hilfloser sind.“

 

  • SHG Lungenemphysem-COPD Neckar-Franken-Heilbronn: www.lungenemphysem-copd.de
  • Lebertransplantierte Deutschland e.V. -  Kontaktgruppe HN-HOK-SHA, Tel: 07971 – 8112,: www.lebertransplantation.de
  • Schwerhörigenverein Heilbronn e.V.: civ-bawue.de
  • SHG für Angehörige von Menschen mit Demenz Bad Mergentheim: www.alzheimer-bw.de/
  • Selbsthilfekontaktstelle KIGS der AOK Heilbronn-Franken: Josephine Pape, Tel. 07131 639-546, E-Mail: josephine.pape@bw.aok.de

 

 

 

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