Multiresistente Keime auf dem Vormarsch - Wird die Wunderwaffe Antibiotika langsam stumpf?

Die weltweite Zunahme von Antibiotika-Resistenzen gehört zur größten Gefahr für die menschliche Gesundheit. Davor warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Denn wenn Antibiotika die Wirkung gegen Infektionskrankheiten verlieren, besteht die Gefahr, dass eigentlich schon besiegt geglaubte Krankheiten wieder so gefährlich werden wie vor dem Antibiotika-Zeitalter. Die WHO schätzt, dass allein in Deutschland jährlich mindestens 10.000 Menschen an den Folgen einer Antibiotika-Resistenz sterben, weltweit rund 700.000.

Datum: 16.08.2016 / Kategorie: Sonstiges

Südlicher Oberrhein

Wer kennt nicht den „Dritten Mann“, den Filmklassiker von Orson Welles als kriminellen Penicillin-Schieber Harry Lime, der im Nachkriegs-Wien sein Unwesen treibt. Penicillin war teuer und knapp, es wurde gestreckt und dadurch gefährlich. Hauptsache die Kasse stimmte. Heute ist es kein Problem, Penicillin oder andere Antibiotika zu bekommen. Ganz im Gegenteil. Oft werden Antibiotika viel zu schnell verschrieben, auch bei Erkrankungen, bei denen sie völlig wirkungslos sind. Das Gefährliche daran: Weil Antibiotika viel zu leichtfertig eingenommen werden, wirken sie immer weniger. Es entwickelt sich eine Antibiotika-Resistenz. Und da kann sich rächen.

 

Die AOK Südlicher Oberrhein hat sich die Antibiotika-Verordnungen in den Landkreisen Ortenau, Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald und Freiburg genauer angeschaut: Über 92.000 AOK-Versicherte erhielten 2015 Antibiotika auf Rezept. Der Anteil der Frauen ist mit rund 63.000 Versicherten deutlich höher als der der Männer.“Wir beobachten zwar, dass die Ärzte in Deutschland insgesamt etwas weniger Antibiotika verschreiben als noch vor ein paar Jahren“, erklärt Wolfgang Schweizer, Geschäftsführer der AOK Südlicher Oberrhein. Seit 2010 sinkt der Anteil der Versicherten, die Antibiotika erhalten, um durchschnittlich 1,5 Prozent. „Trotzdem wird noch immer viel zu sorglos mit dem Medikament umgegangen“. Und das ist nicht ohne Risiko.

 

„Es werden nach wie vor zu viele Antibiotika verordnet“, ist der Freiburger Hygiene- und Antibiotikaexperte Prof. Franz Daschner überzeugt. „Selbst bei einer Mittelohr- oder einer Blasenentzündung müssen nicht immer Antibiotika verordnet werden. Oft wird die körpereigene Immunabwehr damit fertig, auch gibt es verschiedene gut wirksame pflanzliche Arzneimittel, die zur Infektionsbekämpfung eingesetzt werden können“. Die gelte ganz besonders bei Erkältungskrankheiten, die in der Regel von Viren verursacht werden, gegen die Antibiotika nicht wirken. „Besonders groß ist die Gefahr der Resistenzentwicklung, wenn Antibiotika zu lange eingenommen werden“. Bei den meisten bekannte bakteriell verursachten Erkrankungen genüge es, Antibiotika bis drei Tage nach Entfieberung einzunehmen. Nur bei wenigen Infektionskrankheiten, wie z.B. Osteomyelitis, Endokarditis oder Meningitis, müssen Antibiotika für Wochen oder Monate gegeben werden. „Ärzte sollten Antibiotika nur dann verordnen, wenn es medizinisch wirklich notwendig ist. Es muss unbedingt versucht werden, vor jeder Antibiotika-Therapie die Erreger zu isolieren. Patienten sollen diszipliniert mit den Medikamenten umgehen und sie tatsächlich nur über den vom Arzt festgelegten Zeitraum anwenden“, rät Daschner. „Je länger Antibiotika gegeben werden, umso größer ist die Gefahr der Resistenzentwicklung“.

 

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