Steigende Zahlen im Landkreis Lörrach bei jungen Menschen mit Magersucht

Lörrach, 4. August – Die Modeindustrie und einschlägige Casting-Shows im Privatfernsehen gaukeln es vor: je schlanker, umso attraktiver. Wer diesem Schönheitsideal nacheifert, greift oft zu drastischen Methoden wie Magerkost oder Nulldiät. In steigendem Maße wird dies zur gesundheitsgefährdenden Magersucht, wie die AOK Hochrhein-Bodensee für den Landkreis Lörrach festgestellt hat. 179 AOK-Versicherte aus dem Landkreis waren 2014 wegen einer Ess-Störung in Behandlung. Das ist eine Steigerung um 5,3 Prozent seit 2008. Ebenfalls eine Steigerung – wenn auch nicht in dem Ausmaß – errechnet die AOK bei der so-genannten Anorexia Nervosa, zu Deutsch: Magersucht. Hier registrierte die AOK im Jahr 2014 mit 31 Fällen einen leichten An-stieg um 2,5 Prozent im selben Vergleichszeitraum.

Datum: 04.08.2016 / Kategorie: Gesundheit und Prävention

Lörrach

„Ess-Störungen sind sehr vielfältig und spielen eine zunehmend große Rolle in unserem Gesundheitssystem“, sagt auch Dr Clemens Keutler, Leitender Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am St.-Elisabethen-Krankenhaus in Lörrach. Vorübergehende Auffälligkeiten hinsichtlich des Essverhaltens zeigen etwa 25 Prozent pubertierender Mädchen, ohne dass dies Kriterien einer Störung von Krankheitswert erfüllen würde, führt der Facharzt weiter aus. „Bei Jungs kommt dies deutlich seltener vor.“ Trotzdem gelte die Magersucht als eine der schwersten kinder- und jugendpsychiatrischen Störungsbilder mit einem nach wie vor hohen Mortalitätsrisiko. „Über zehn Prozent der Betroffenen sterben langfristig an den Folgen der Erkrankung“, erklärt Dr. Keutler. „Wichtig ist eine regelmäßige Vorstellung beim Kinder- und Jugendpsychiater, beim Kinderarzt und eine ambulante Verhaltenstherapie.“ Denn eine frühe Erkennung und Diagnosestellung sowie eine konsequente Behandlung könnten nach Meinung des Facharztes die Prognose deutlich verbessern. Kommt es unter ambulanter Behandlung nicht zu einer Stabilisierung des Körpergewichts und einer Veränderung des Essverhaltens, solle unbedingt eine stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung erfolgen, damit die Erkrankung nicht chronisch wird.

Die früher viel häufigere Auffälligkeit bei Mädchen habe sich in den letzten Jahren abgemildert. „Trotzdem finden sich männliche Anorexien nach wie vor deutlich seltener, oft aber mit schwierigerem Verlauf“, beschreibt der Kinder- und Jugendpsychiater die Unterschiede. „Wegen fehlender Krankheitseinsicht und oft lebensbedrohlichem Zustand zum Zeitpunkt der Krankenhauseinweisung, muss in einzelnen Fällen eine geschlossene Aufnahme mit richterlicher Genehmigung auf Antrag der Eltern erfolgen.“ Oft brauche es Monate, uneinsichtige Patienten stationär zu stabilisieren und die Voraussetzung für eine weitere ambulante Behandlung zu schaffen. „In einigen Fällen bieten wir überbrückend noch eine tagesklinische Betreuung der Patienten an bzw. vereinbaren eine sogenannte Intervallbehandlung“, erklärt Dr. Keutler. „Die Patienten kommen immer wieder für ein bis zwei Wochen in die Klinik und haben zwischendurch immer länger werdende Intervalle in ihrem Familiensystem.“

Manchmal werde im Anschluss an den Klinikaufenthalt eine Langzeitrehabilitationsmaßnahme notwendig, die in die Zuständigkeit der Jugendhilfe fällt und in enger Absprache mit Klinik, Eltern und Sozialdienst des Landratsamtes auf den Weg gebracht werden muss. „Die uns vorgestellten Magersucht-Patientinnen beginnen immer früher Symptome zu zeigen“, erklärt der Facharzt die Hintergründe. Sei früher die Magersucht hauptsächlich Aufgabe der jugendpsychiatrischen Stationen, fallen heute praktisch die gleichen Häufigkeitszahlen bei den Kinderstationen an – also bei Patienten jünger als 14 Jahre. In schweren Fällen sei nicht selten zunächst eine Aufnahme auf der pädiatrischen Intensivstation erforderlich. „Wichtig ist eine gute Kommunikation mit den Eltern und den verschiedenen Helfersystemen wie Kinderarzt, ambulanter Psychotherapeut, Schule und Jugendhilfe, um die langfristige Stabilisierung und eine gute Entwicklung unterstützen zu können“, weiß Dr. Keutler aus seiner langjährigen Erfahrung.

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