Zehn Jahre Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) im Landkreis Heidenheim - Ärzte und AOK ziehen eine positive Bilanz

Vor zehn Jahren wurde vom Hausärzteverband, MEDI und der AOK Baden-Württemberg der bundesweit erste Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung unterzeichnet. Wie beurteilen die Akteure im Landkreis Heidenheim den Hausarztvertrag?

Datum: 07.12.2018 / Kategorie: AOK-Hausarztprogramm

Heidenheim

„Nach zehn Jahren intensiver Arbeit ist es gelungen, den HZV in unserer Region als Alternative zur Regelversorgung fest zu verankern. Das nutzt allen Beteiligten: unseren Versicherten, der Ärzteschaft und der AOK“, stellt Josef Bühler, Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg, fest. „Rund 2/3 aller zugelassenen Hausärzte in Ostwürttemberg nehmen an dem AOK-Hausarzt-Programm teil.“

 

„Mit dem Hausärztevertrag wurde erfolgreich ein neuer Weg beschritten, der die ambulante Versorgung vor Ort nachhaltig stärkt“, unterstreicht Hausarzt Dr. Jörg Sandfort aus Steinheim, gleichzeitig auch Kreisärzteschaft-Vorsitzender. „Die medizinische Versorgung war bisher von Unter-, Über- und Fehlversorgung geprägt. Der Hausarztvertrag schafft klare Strukturen, verbessert die Zusammenarbeit mit den Fachärzten und gibt mir als Hausarzt eine Lotsenfunktion, damit der Patient gut versorgt wird.“ 

 

Dr. Norbert Gaiser, Hausarzt in Herbrechtingen und Teilnehmer am AOK-Hausarztprogramm, kann das nur bekräftigen: „Wir werden als Allgemeinmediziner gestärkt. Der Patient wird von uns nicht nur behandelt, sondern wir haben auch den Überblick, welchen Arzt er aufsucht und welche Medikamente er einnehmen soll. Dadurch vermeiden wir eine Fehlmedikation sowie unnötige und belastende Doppeluntersuchungen.“ 

 

Dr. Sandfort war 2008 dem HZV-Vertrag von Anfang an beigetreten, weil er von dem Konzept überzeugt ist. „Die klaren Strukturen, die bessere Bezahlung und die Möglichkeit, unbegrenzt AOK-versicherte Patienten ohne finanziellen Nachteil behandeln zu dürfen, waren die Hauptgründe. „Unsere Arbeit wird regelmäßig wissenschaftlich untersucht und wir bekommen zurückgespiegelt, dass unsere Arbeit und die bessere Zusammenarbeit mit den Fachärzten die Qualität der Versorgung der Patienten verbessert hat“, freut sich der Arzt.

 

So weisen HZV-Patienten im AOK-Hausarztprogramm in Baden-Württemberg mit koronaren Herzerkrankungen pro Jahr 1.900 weniger Krankenhausaufenthalte auf. Bei Diabetikern sind deutlich weniger schwerwiegende Komplikationen zu beobachten. Über einen Beobachtungszeitraum von sechs Jahren (2012 bis 2016) wurden ca. 4.000 schwerwiegende Komplikationen wie Amputation, Dialyse, Erblindung, Herzinfarkt oder Schlaganfall in der HZV-Gruppe vermieden. Das sind die Ergebnisse der begleitenden Evaluationen der Universitäten Frankfurt am Main und Heidelberg. Überraschend ist, dass das Risiko zu versterben, in der HZV geringer ist als in der Regelversorgung. Das hatte der Sachverständige Prof. Joachim Szecsenyi bei der Betrachtung des Fünf-Jahres-Zeitraums heraus gefunden. Das zugrundeliegende statistische Überlebenszeitmodell weist eine Zahl von knapp 1.700 verhinderten Todesfällen in der

 

HZV aus.

 

Dr. Gaiser betont, wie wichtig es für die Praxen im ländlichen Raum sei, im Hausarztvertrag mitzumachen. „Wir erhalten für jeden eingeschriebenen Versicherten einen fixen Betrag als Betreuungspauschale, egal ob dieser behandelt wird oder nicht. Damit können wir viel besser kalkulieren“, betont der Internist offenherzig. „Mein derzeitiges Personal könnte ich ohne die Einkünfte aus dem Hausarztvertrag nicht halten.“

 

Im Landkreis Heidenheim nutzen die HZV 24.000 AOK-Versicherte, die sich an rund 50 Hausärzte und vier Kinderärzte wenden können. „Die Gruppe der über 50-Jährigen stellt die Mehrzahl der freiwillig eingeschriebenen HZV-Versicherten. Die Vorteile der hausarztzentrierten Versorgung kommen damit vor allem denen zu Gute, die dies besonders benötigen“, erklärt Josef Bühler. Aber auch für Kinder, junge Erwachsene und die mittlere Generation bietet der Hausarztvertrag viele Vorteile.

 

In den darauf aufbauenden AOK-Facharztverträgen sind 22 Mediziner und Therapeuten aus verschiedenen Fachgebieten im Landkreis aktiv, die sich um mehr als 9.000 in das Facharztprogramm eingeschriebene Patienten kümmern.

 

170 Hausärzte aus der Region Ostwürttemberg behandeln die 62.000 in das Programm eingeschriebenen AOK-Patienten. Hinzu kommen 70 Fachärzte der Bereiche Kardiologie, Gastroenterologie, Psychiatrie/Neurologie/ Psychotherapie (PNP), Urologie, Orthopädie, Rheumatologie und Diabetologie, die bei den Facharzt-programmen mitmachen. Knapp 28.000 der Teilnehmer am Hausarztprogramm haben sich auch für die Facharztprogramme eingeschrieben. Somit genießen sie alle Vorzüge dieser besonderen Verträge.

 

Damit die bessere Versorgung von den Ärzten auch umgesetzt werden kann, fördert die AOK im Rahmen des Vertrages auch die Beschäftigung von VERAHs - Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis. „Die VERAH arbeitet an der Schnittstelle zwischen dem Arzt und der medizinischen Fachangestellten. Sie darf durch ihre Zusatzqualifikationen mehr medizinische Aufgaben übernehmen und kann uns Ärzte dadurch entlasten“, sagt Sandfort. So fahre die VERAH zu chronisch Kranken nach Hause, um deren Gesundheitszustand zu überprüfen. „Wir als Ärzte müssen dann nur noch in kritischen Situationen zum Patienten. Blutdruckmessungen und Medikamentengabe kann die VERAH machen, ohne dass wir Ärzte rechtliche Probleme bekommen.“

 

„HZV-Praxen sind“, ergänzt Dr. Gaiser, „für die Übernahme durch den ärztlichen Nachwuchs erheblich attraktiver und damit ein Mittel gegen den Ärztemangel im ländlichen Raum.“

 

Wie bei den Ärzten ist auch die Teilnahme der AOK-Versicherten freiwillig. Zurzeit sind schon 38 Prozent aller AOK-Versicherten in dem Programm der hausarztzentrierten Versorgung eingeschrieben. Die Tendenz ist weiter steigend.

 

Die AOK-Versicherten im HZV profitieren neben der besseren Versorgung von zusätzlichen Serviceleistungen. Dazu zählen die Begrenzung der Wartezeit und für Berufstätige bei Bedarf eine Abendsprechstunde. Wenn erforderlich, gibt es eine zeitnahe Vermittlung von Facharztterminen, zusätzliche Vorsorgeunter-suchungen, die Befreiung von Zuzahlungen und die Teilnahme am AOK-Facharztprogramm.

 

Laut einer aktuellen Umfrage eines unabhängigen Forschungsinstituts sind 95 Prozent der befragten Teilnehmer im Land sehr zufrieden. 90% würden den HZV-Vertrag weiterempfehlen. Hauptgründe für die Teilnahme sind für 89 Prozent die Koordination der Behandlung durch den Hausarzt. Bei 79 Prozent ist es die bessere Zusammenarbeit der Ärzte. 76 Prozent nennen kurze Wartezeiten beim Hausarzt mit weniger als einer halben Stunde als Grund.

 

Für die Hausarzt- und Facharztverträge wurden landesweit 618 Millionen Euro im Jahr 2017 ausgegeben. Trotz dieser hohen Summe ist es laut einer wissenschaftlichen Untersuchung für die AOK Baden-Württemberg 50 Millionen Euro kostengünstiger als es die Regelversorgung wäre. „Diese Investitionen sind sehr gut angelegtes Geld, da sie vor allem der Gesundheit unserer Versicherten zu Gute kommen“, bilanziert Geschäftsführer Bühler von der AOK Ostwürttemberg.

 

Die HZV und die Facharztverträge entwickeln sich im Übrigen weiter: Mit Nephrologie, Pulmologie und HNO wird die Alternative Regelversorgung der Facharztverträge 2019 erweitert. Außerdem werden die beteiligten Praxen ab 2019 digital vernetzt. Es soll ein elektronisches Medikationsdossier geben, auf das alle an der Behandlung beteiligten Praxen Zugriff haben werden. Durch den Blick auf die medikamentöse Therapie des Patienten können bei neuen Verschreibungen Wechselwirkungen von Medikamenten und eine Fehlmedikation im Vorfeld ausgeschlossen werden.

 

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