Auch im Alpen-Nachbarland sind Hausärzte rar

Die Mitglieder des Bezirksrats der AOK Ostwürttemberg bekamen einen Einblick in das österreichische Gesundheitssystem. Eine Lösung für eine bessere ärztliche Versorgung im ländlichen Raum hat das Nachbarland nicht zu bieten.

»Wir stellen fest, dass das Nachbarland Österreich mit den gleichen Problemen bei der ärztlichen Versorgung konfrontiert ist wie Deutschland. Es ist und bleibt schwierig, Hausärzte für den ländlichen Raum und strukturschwache Gebiete zu gewinnen.«

Roland Hamm, Alternierender Vorsitzender des Bezirksrats der AOK Ostwürttemberg

Datum: 27.07.2022 / Kategorie: Gesundheitspolitik

Aalen, Schwäbisch Gmünd, Heidenheim

Dr. Alexander Braun, Professor für Gesundheitsmanagement der Fachhochschule Krems in Österreich, erklärte anschaulich den Versicherten- und Arbeitgebervertreter*innen des Bezirksrats der AOK Ostwürttemberg, wie das Gesundheitssystem der Alpenrepublik funktioniert. Spannend war vor allem die Frage, ob Österreich eine bessere Lösung für den Hausarztmangel hat.

 

Dr. Braun war auf Einladung der AOK Ostwürttemberg nach Aalen gekommen. Der 34-jährige gebürtige Heidenheimer hatte von 2004 bis 2007 bei der AOK seine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten absolviert, bevor er den akademischen Weg einschlug. Dieser Weg führte ihn Anfang 2020 an die Fachhochschule Krems in Niederösterreich. Am dortigen Institut für Gesundheitsmanagement hat er seitdem seine 1. Professur inne.   

 

„Immer mehr Hausärzte gehen zurzeit in Ostwürttemberg in den wohlverdienten Ruhestand und wie jeder weiß, sind Nachfolger rar gesät und Patienten haben Schwierigkeiten einen neuen Hausarzt zu finden“, sagt Karl Groß, Vorsitzender des BZR. „Wir wollen uns als Gremium ein differenziertes Bild zu diesem Thema aneignen und da kann ein Blick über die Grenzen helfen. Durch den guten Kontakt zu Professor Braun bot es sich an, das Gesundheitssystem Österreichs näher kennenzulernen.“

 

Dr. Braun schilderte den Bezirksräten, dass es in Österreich ebenfalls einen akuten Hausarztmangel wie in Deutschland gebe. So seien schon mehr als 50 Prozent der Allgemeinmediziner über 55 Jahre alt. „Die kritische Erstversorgung wurde in einer ausführlichen Studie 2017, die den österreichischen Staat 600.000 Euro gekostet hat, bestätigt und Handlungsempfehlungen vorgestellt“, sagt Dr. Braun. Doch aufgrund eines Regierungswechsels wurden die Empfehlungen nicht umgesetzt. Die Ärztekammer, die Einheitskrankenkasse „Österreichische Gesundheitskasse“ und die Bundesländer entwickelten eigene Ideen. „Heraus kam das Modell der Primärversorgungszentren, an denen ein Allgemeinmediziner, ein Kinderarzt sowie Heilmittelerbringer, wie Physiotherapeuten und Logopäden angesiedelt werden sollen. Diese sollen flächendeckend in ganz Österreich etabliert werden. Die Mediziner werden dort angestellt.“

 

Bis zum Jahr 2021 sollten landesweit 75 Primärversorgungszentren eingerichtet sein, doch bis Ende 2020 waren es lediglich 23. „Es fällt auf, dass in Regionen – etwa an der Grenze zu Tschechien – , sprich wo die Versorgung schon lange prekär ist, noch kein einziges Versorgungszentrum etabliert werden konnte“, sagt Braun. „Den Fachkräftemangel bei den Allgemeinmedizinern zu beheben, wird ein langfristige Aufgabe sein. Ohne Nachwuchs wird sich der regionale Engpass der ärztlichen Versorgung nicht lösen lassen“, so sein Fazit.

 

„Wir stellen fest“, so Roland Hamm, der alternierende Vorsitzende des Bezirksrat der AOK Ostwürttemberg, „dass das Nachbarland Österreich mit den gleichen Problemen bei der ärztlichen Versorgung konfrontiert ist wie Deutschland. Es ist und bleibt schwierig, Hausärzte für den ländlichen Raum und strukturschwache Gebiete zu gewinnen.“

 

AOK-Geschäftsführer Hans-Joachim Seuferlein betont, dass die AOK Baden-Württemberg gemeinsam mit den Hausärzteverband und dem MEDI-Verbund vor 14 Jahre das AOK-Hausarzt-Programm auf den Weg gebracht hat. „Damit haben wir die damalige finanzielle Schieflage der ländlichen Arztpraxen beenden und viele erhalten können. Mit der VERAH, der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis, konnte der Arzt erstmals rechtssicher medizinische Aufgaben delegieren. Das Programm sei bis heute sehr erfolgreich, so Seuferlein. „Doch die Politik hat diese Zeit nicht intensiv genutzt, um den sich damals schon abzeichnenden Ärztemangel aktiv anzugehen“, bedauert der Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg.  

 

Doch nun ist die Politik aufgewacht. Mit Blick auf die eigene Region lobt AOK- Bezirksratsvorsitzender Karl Groß den Ostalbkreis, der mit seinem vergleichbaren Zielmodell der Lokalen Gesundheits- und Mehrversorgungszentren, dem Einrichten einer Servicestelle für die ärztliche Versorgung, das Anbieten von Medizin-Stipendien sowie der Gründung einer Arzt-Genossenschaft für den Schwäbischen Wald, wichtige Schritte für den Erhalt der hausärztlichen Versorgung aktiv angegangen ist.

 

„Wir werden als Bezirksrat die Entwicklung kritisch verfolgen und bedanken uns herzlich bei Professor Dr. Braun für seinen Vortrag. Dieser Blick über Landesgrenze hilft sehr, um die eigene Situation vor Ort besser bewerten zu können.“

 

Oliver Bayer

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