Drogenkonsum: Mehr Menschen in ärztlicher Behandlung - Ulm und Alb-Donau-Kreis liegen deutlich über dem Landesschnitt

Drogen wirken auf die Psyche. Je nach Substanz wirken sie dämpfend bis aufputschend. In jedem Fall beeinträchtigen sie aber die seelische und körperliche Gesundheit und können süchtig machen. Im Stadtkreis Ulm und im Alb-Donau-Kreis sind die Behandlungszahlen wegen Drogenmissbrauchs in den letzten Jahren weiter gestiegen. Der Weg in die Abhängigkeit kann kurz sein, der Ausstieg ist dagegen meist außerordentlich schwer.

Datum: 17.12.2021 / Kategorie: Wissenschaft / Statistiken / Studien / Zahlen

Ulm

Immer mehr Menschen in Ulm und im Alb-Donau-Kreis befinden sich wegen des Konsums illegaler Drogen in ambulanter oder stationärer Behandlung. Dies zeigt eine aktuelle Auswertung der AOK Ulm-Biberach. Im Jahr 2020 haben sich im Alb-Donau-Kreis 548 AOK-Versicherte wegen Drogenmissbrauchs behandeln lassen – 200 Frauen und 348 Männer. Das sind 169 Personen mehr als im Jahr 2016 und 34 mehr als 2019. Für den Stadtkreis Ulm sind die Zahlen ähnlich hoch: 2016 waren 360 AOK-Versicherte in ärztlicher Behandlung, 2019 waren es schon 490 und 2020 stieg die Zahl auf 519, davon 178 Frauen und 341 Männer. Die Zahl der Betroffenen im Stadt- und im Landkreis stieg seit 2016 jedes Jahr um durchschnittlich 7,3 Prozent. Damit liegen beide Kreise deutlich über dem Landesschnitt – hier liegt die durchschnittliche jährliche Steigerung bei 0,7 Prozent.

 

Der Missbrauch illegaler Drogen ist von Alter und Geschlecht abhängig. Ab dem Alter von 15 Jahren steigen die Behandlungszahlen stetig an. Versicherte zwischen 30 und 40 Jahren sind am häufigsten wegen Drogenabhängigkeit in Behandlung. Generell sind Männer etwa doppelt so häufig betroffen wie Frauen. Mit zunehmendem Alter nehmen die Fallzahlen ab, allerdings sind dann mehr Frauen als Männer wegen Drogenmissbrauchs in Behandlung.

 

Zu den Drogen gehören nicht nur illegale Rauschmittel wie beispielsweise Kokain, Crystal Meth oder Heroin, sondern auch legale Substanzen wie Alkohol, Nikotin und bestimmte Medikamente. „Unter Berücksichtigung körperlicher, psychischer und sozialer Konsequenzen des Suchtmittelkonsums für den Menschen und die Umwelt sind Klassifikationen wie ‚legal‘ und ‚illegal‘ keine sinnvollen Kriterien für schädlichere und weniger schädliche Substanzen“, sagt Dr. Hans-Peter Zipp, Arzt bei der AOK Baden-Württemberg. „Allen Rauschgiften – ob legal oder illegal – ist es gemeinsam, dass sie zu Veränderungen der Hirnstrukturen führen. Infolge einer dauerhaften Aktivierung des Belohnungssystems kommt es zu einer Art Reizüberflutung und auf Dauer zum Anheben der Aktivierungsschwelle für positive Reize.“ Menschen, die Drogen konsumieren, werden auf lange Sicht abhängig und erleiden häufig schwerwiegende Probleme im physischen, psychischen und sozialen Bereich.

 

Eine typische „Suchtpersönlichkeit“ gebe es allerdings nicht, betont Dr. Zipp. „Wer besonders belastet ist oder wenig gesunde Strategien erlernt hat, mit Problemen und Stress umzugehen, ist stärker suchtgefährdet. Seelische Verletzungen oder verschiedene psychische Erkrankungen erhöhen ebenfalls das Risiko, abhängig zu werden. Und auch das soziale Umfeld spielt eine zentrale Rolle bei der Suchtentwicklung.“ Laut Umfragen und Studien sind Gründe für den Drogenkonsum von Jugendlichen neue Erfahrungen sammeln, positive Schilderungen von Freunden, Gruppenzwang bzw. Anpassung an die Gruppe, Nachahmung von Älteren, Angst vor dem Alleinsein oder Flucht vor Alltagsproblemen. Weitere Gründe sind Unsicherheit und fehlende Konfliktfähigkeit, Überforderungen oder persönliche Schicksale sowie eine passive Freizeitgestaltung.

 

„Die Grenzen zwischen gefährlichem Konsum und Abhängigkeit sind fließend. Es lässt sich nicht vorhersagen, welche negativen Folgen der Drogensucht bei den Betroffenen genau auftreten und zu welchem Zeitpunkt die Auswirkungen des Drogenmissbrauchs das erste Mal spürbar werden“, so Dr. Zipp. „Es ist wichtig, auf typische Anzeichen für eine Entwicklung zur Drogenabhängigkeit zu achten. Hierzu zählen Suchtdruck bzw. Abstinenzunfähigkeit, Kontrollverlust, Toleranzbildung, Entzugssymptome, Vernachlässigung von Interessen und Aufgaben und Konsum trotz negativer Konsequenzen für Gesundheit, Beruf, Sozialleben.“ Entscheidend sei, die schädlichen Konsummuster möglichst frühzeitig zu erkennen und zu unterbinden, noch bevor eine körperliche und psychische Abhängigkeit entsteht.

 

Der Kampf gegen die Drogensucht ist ohne professionelle Hilfe meist zum Scheitern verurteilt, so die Erfahrung des Mediziners. „Wichtig ist, eine Auseinandersetzung und Bearbeitung der psychischen Suchtursachen, damit eine dauerhafte Abstinenz gelingen kann. Entgiftung und Entwöhnung sollten sinnvollerweise ineinandergreifen oder nahtlos ineinander übergehen.“ Dabei können Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen und Angebote in Suchtkliniken helfen. Grundsätzlich ist ein von Drogen unabhängiges, unbelastetes Leben möglich. Allerdings lässt das Suchtgedächtnis die Abhängigkeit lebenslang bestehen und die Drogensucht führt unbehandelt zu gesundheitlichen Problemen und hat oftmals gravierende soziale Konsequenzen.

 

Hilfe finden Betroffene auch beim Sozialen Dienst der AOK Ulm-Biberach, der u. a. Beratungen bei Suchterkrankungen anbietet: www.aok.de/pk/bw/inhalt/sozialer-dienst/

 

Thomas Wöllhaf

Pressesprecher

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