„Altern ist beeinflussbar“

„Jede und Jeder kann gesundes Altern durch gesunde Lebensweise, Bewegung und gesunde Ernährung beeinflussen“, davon ist Prof. Dr. phil. Adelheid Kuhlmey überzeugt. Im Interview spricht die Expertin fürs Älterwerden über die verschiedenen Rollenbilder innerhalb der Gesellschaft und lobt die Content-Marketing-Kampagne „Ich bin jetzt!“ der AOK Baden-Württemberg.

Datum: 14.10.2020 / Ressort: Gesundheitstipps, Versorgung

Stuttgart

„Jede und Jeder kann gesundes Altern durch gesunde Lebensweise, Bewegung und gesunde Ernährung beeinflussen“, davon ist Prof. Dr. phil. Adelheid Kuhlmey, Wissenschaftliche Centrumsleitung CC 1, Direktorin Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Charité überzeugt. Im Gespräch mit der AOK Baden-Württemberg spricht die Expertin fürs Älterwerden über die verschiedenen Rollenbilder innerhalb der Gesellschaft, stellt Forderungen an jeden Einzelnen und an die politischen Entscheider, gibt Tipps, wie frau und man mit dem Älterwerden umgehen können und lobt die Content-Marketing-Kampagne „Ich bin jetzt!“ der AOK Baden-Württemberg.

Frau Prof. Kuhlmey, Sie sagten beim Fachkongress Alter plus 3 im Jahr 2019, dass alle Versuche scheitern werden, mit den Mustern der Vergangenheit die zukünftige pflegerische und medizinische Versorgung alter Menschen zu bewältigen. Wie kann es denn Ihrer Meinung nach gelingen?

Adelheid Kuhlmey: „In den nächsten 30 bis 35 Jahren werden immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, da die zahlenmäßig große Generation der sogenannten Babyboomer alt wird und medizinische sowie pflegerische Versorgung benötigt. Quantitativ werden so viele Menschen in Deutschland alt sein, wie noch nie zuvor. Hier werden wir in der Zukunft vor große Probleme gestellt. Wir lösen diese nicht mit der Forderung nach 20.000 neuen Stellen in der Pflege - denn wo sollen die Menschen für diese Positionen herkommen? Wir müssen also neu denken, unsere Strukturen in der pflegerischen Versorgung überprüfen und z.B. schauen, ob es Möglichkeiten gibt, die Digitalisierung zu einem Lösungsansatz hinzuzuziehen. Wir müssen überlegen, ob wir nur immer mehr von den immer gleichen Pflegeheimen brauchen oder etwa ganz andere neue Wohnformen und vernetzte Versorgungsstrukturen. Außerdem geht es darum, wirklich rigoros auf die Prävention und die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit zu setzen, damit wir nicht nur die Lebenszeit verlängern, sondern auch die Zeit der Pflegebedürftigkeit verringern.“

In unserer Gesellschaft wird das Thema „Alter(n)“ meist negativ behandelt. Alter scheint etwas zu sein, das aufgehalten werden muss. Man ist nicht mehr so vital, der Körper verändert sich, vielleicht treten die ersten Krankheiten auf. Wie beurteilen Sie diese Aussagen und was stellen Sie dagegen?

Adelheid Kuhlmey: „Dem würde ich zunächst gerne entgegensetzen, dass es ein unglaublicher Gewinn ist, dass Menschen, die heute geboren werden, die Chance haben, lange leben zu können. Das ist ein kultureller Fortschritt, den man gar nicht hoch genug schätzen kann, denn Menschen wollen leben. Hinzu kommt, dass sich das Alter verjüngt hat, das heißt, eine heute 60-Jährige ist von ihrer Vitalität und von dem was sie noch leisten kann, aber auch vom Aussehen her, wie sie sich gibt und am Leben teilnimmt, nicht zu vergleichen mit einer 60-Jährigen von vor 50 oder 100 Jahren. Dieser Prozess wandelt die Altersbilder langsam ins Positive. Trotzdem verbindet sich mit dem Älter werden die Tatsache, dass die Bilanz zwischen Gewinn und Verlust von uns immer wieder neu gezogen werden muss. Dabei ist es für niemanden leicht, sich von einer Kompetenz zu verabschieden, die man vor 10 Jahren noch hatte. Es ist im Grunde eine Lebensaufgabe von allen, die alt werden wollen, sich ständig zu bemühen, das Altern zu meistern. Das bekommen wir nicht einfach in den Schoß gelegt, wir müssen an uns arbeiten und das Anti-Aging durch ein Pro-Aging ersetzen.“

Der Ruhestand verschiebt sich nach hinten und die Menschen in Deutschland bleiben auch im Alter länger berufstätig. Hängt das Ihrer Meinung nach auch damit zusammen, dass die Gesellschaft in Deutschland immer gesundheitsbewusster wird?

Adelheid Kuhlmey: „Wir haben insgesamt mit der Verlängerung der Lebenszeit auch einen Zugewinn an gesunden Lebensjahren. Das hängt mit vielen Faktoren zusammen, liegt aber sicher auch daran, dass viele Menschen versuchen, sich gesundheitsbewusst zu verhalten. Aber wir sollten uns nicht zu sehr loben, wenn man an die große Zahl der übergewichtigen Personen denkt oder wenn man in sich geht und darüber nachdenkt, wie ungern man selbst den inneren Schweinehund überwindet und abends nach einem langen Arbeitstag noch laufen geht. Aber natürlich ist ein heute 65-jähriger Mensch insgesamt bzw. im Durchschnitt belastbarer und arbeitsfähiger als ein 65-Jähriger vor 50 Jahren. Deshalb ist die sozialpolitische Entscheidung, die Arbeitszeit zu verlängern, aus dieser Perspektive richtig. Allerdings sollte dann auch über andere Arbeitszeitmodelle nachgedacht werden, die Verteilung von Arbeitszeit im Lebensverlauf neu überdacht werden.“

Wie steht es Ihrer Meinung nach mit der Internetnutzung und dem Umgang digitaler Medien von älteren Menschen?

Adelheid Kuhlmey: „Laut Studienlage sind Menschen über 80 nicht gut ausgestattet mit Geräten zur digitalen Kommunikation. Das wird aber für kommende Generationen im Alter nicht mehr zutreffen. Wir werden uns hinbewegen auf das, was wir mit anderen elektronischen Geräten bereits kennen – nahezu jeder Haushalt hat beispielsweise einen Kühlschrank – ähnlich wird sich das auch mit den digitalen Medien verhalten. Studien zeigen heute bereits eine hohe Aufgeschlossenheit der älteren Bevölkerung gegenüber der digitalen Technik. So können sich ältere Menschen beispielsweise eine digitale Unterstützung in der Pflege vorstellen, wenn dadurch gewährleistet wird, dass sie länger im eigenen Haushalt bleiben können. Wenn es also digitale Lösungen für die Erleichterung des Alltags der älteren Bevölkerung gibt, herrscht in dieser Gruppe auch ein starkes Interesse daran.“

Welche Altersbilder kursieren in einer Gesellschaft und warum fällt es vor allem Frauen schwer, der zweiten Hälfte ihres Lebens mit Genuss und Selbstliebe zu begegnen?

Adelheid Kuhlmey: „Ist das wirklich so (lacht)? Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass sich Bilder vom Alter in den letzten Jahren positiv verändert haben. Das lässt sich u.a. auch damit belegen, dass es ein Antidiskriminierungsgesetz gibt, das die Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund des Alters verbietet. In der Realität ist es aber immer noch so, dass in der Gesellschaft auch diskriminierende Altersbilder vorhanden sind. Und doch glaube ich, dass Frauen um die 60 bis 70 Jahre ihre gewonnenen Freiheiten genießen können und kein so schlechtes Selbstbild mehr von ihrem Alter haben und viel besser damit umgehen als allgemein bekannt.“

Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede beim Umgang mit dem Älterwerden zwischen Männern und Frauen?

Adelheid Kuhlmey: „Grundsätzlich haben Frauen eine höhere Lebenserwartung als bei Männern. Dahingegen erreichen Männer statistisch gesehen eher in einer Partnerschaft ein hohes Alter und Frauen eher alleinstehend. Das ist ein großer Unterschied beim Altwerden. Generell gilt, dass man nur so alt werden kann, wie man sein Leben gelebt hat. Und Frauen nutzen die Kompetenzen, die sie im Leben trainiert haben. Dazu gehört, dass sich Frauen durch ihre Familienarbeit große soziale Kompetenzen angeeignet haben, sie waren es meistens, die die Familienbezüge und das Privatleben organisiert haben. Diese Kompetenzen werden vielen älteren Frauen beim Älter werden von Vorteil gegenüber den älter werdenden Männern, die häufig durch das Arbeitsleben geprägt sind.“

Es gibt diesen Spruch „Männer altern wie Wein. Frauen altern wie Milch“. Was halten Sie als Medizinsoziologin und Gerontologin dagegen oder stimmen Sie inhaltlich eventuell sogar zu?

Adelheid Kuhlmey: „Dem Spruch würde ich gerne entgegenhalten, dass alter Wein auch irgendwann kippt und zu Essig wird (lacht). Aber wie bereits erwähnt altern Menschen, wie sie gelebt haben. Der Spruch stimmt insofern, dass Männer und Frauen in Teilen ihr Leben eben anders verbringen. Männer und Frauen altern mit unterschiedlichen Erwerbsbiografien, gerade die jetzt alten Menschen hatten ganz unterschiedliche Chancen im Erwerbsleben. Also erreichen sie das Alter auch mit anderen Erfahrungen und Möglichkeiten. Nun ist es immer noch so und vielleicht spielen Sie darauf an, dass viele jüngere Frauen Beziehungen mit älteren Männern eingehen, dabei ist das rein biologisch gesehen schwer verständlich. Denn aktuell haben Frauen statistisch gesehen eine längere Lebenszeit von sechs Jahren gegenüber Männern. Also müssten sich Frauen eigentlich jüngere Männer suchen, um später im Alter auch länger Zusammensein zu können. Wir sehen also alte Verhaltensmuster werden nur schwer von neuen Entwicklungen abgelöst.“

Noch immer spielen ältere Frauen im Fernsehen oder in der Werbung kaum eine Rolle. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Adelheid Kuhlmey: „Ich glaube, da hat sich sehr viel geändert. Hat vor 30 Jahren noch eine junge Frau für eine Anti-Faltencreme geworben, wirbt heute die gutaussehende 50-60-Jährige dafür. Und wenn man ins deutsche Fernsehen schaut, kann man beobachten, dass sich einige von den alt gewordenen Schauspielerinnen gut in Szene setzen und tiefgründige Rollen spielen. Das ist großartig!“

Man spricht heutzutage ja vom dritten Alter zwischen 65 und 80 und dem vierten Alter ab 80 Jahren. Welche Werte, Bedürfnisse und/oder Ängste spielen in diesen beiden Perioden die größte Rolle?

Adelheid Kuhlmey: „Es ist wichtig, diese beiden Altersspannen zu unterscheiden, denn niemand würde einen 10-Jährigen mit einem 30-Jährigen vergleichen. Die Interessen und Bedürfnisse sind für eine 65-Jährige anders als für eine 80-Jährige. Werte und Normen sind für die verschiedenen Generationen zeitgeschichtlich geprägt. Aber wie wertvoll ist es, dass wir uns über 4 bis 5 Generationen miteinander austauschen können und Menschen, die ganz andere Zeiten erlebt haben, jungen Menschen heute aus diese Zeiten berichten können. Das ist eine riesige Chance, birgt aber auch Konfliktpotenzial wie wir es bspw. bei der Klimafrage sehen oder politischen Entscheidungen, die den jüngeren Generationen Schulden hinterlassen. So gut diese Einteilung ist, so wichtig ist auch zu begreifen, dass Altern etwas sehr Individuelles ist. Je älter Menschen werden, umso größer sind die Unterschiede zwischen kalendarischem und dem funktionalem Alter.“

Welche Vorteile haben ältere Frauen gegenüber jüngeren Frauen?

Adelheid Kuhlmey: „Ein Vorteil von älteren Frauen ist, dass sie Erfahrungen haben, dass sie viele Ziele im Leben schon erreicht haben, dass sie sich mehr oder weniger befriedet haben mit den Zielen, die sie nicht erreicht haben. Außerdem müssen sie weniger Rücksicht nehmen bspw. auf die Bedürfnisse eines größeren Familienverbandes. Sie können die Vorteile der späteren Freiheit für sich in Anspruch nehmen.“
 
Was kann jeder persönlich dafür tun, um gesünder zu altern?

Adelheid Kuhlmey: „Die kalendarische Uhr läuft für uns alle gleich, aber der biologische Prozess unterscheidet sich und hängt von genetischen Markern ab, die wenig zu beeinflussen sind, hängt aber auch von sozialen Einflüssen ab, die schon eher zu steuern sind. So kann jede und jeder gesundes Altern durch gesunde Lebensweise, Bewegung und gesunde Ernährung beeinflussen. Man kann es beeinflussen durch soziale Kontakte und lebendig bleiben und dadurch, dass man sich Immer wieder hinterfragt zu Dingen im Leben, die man verändern kann. Aber natürlich spielt der genetische Prozess für die Langlebigkeit eine große Rolle. Trotzdem: Altern ist beeinflussbar! Das ist kein Schicksal, dass wir alle hinnehmen müssen frei nach dem Motto: ‚Da kann man nichts mehr machen…‘ Man kann immer noch etwas machen! Die Resilienz, also das, was wir verfügbar haben an geistigen Potentialen und körperlicher Funktionsfähigkeit, das lässt sich sehr gut trainieren. Man muss nur daran denken, was mit einem Muskel passiert, der für eine kurze Zeit in einem Gips stillgelegt wird. Sehr schnell schrumpft er, baut ab. Und das passiert im Altern auch, alles was wir nicht trainieren, das schrumpft wie dieser eingegipste Muskel. Das gilt für körperliche und für geistige Prozesse.“

Oft hört man, „das Alter lässt sich nicht aufhalten“. Was sagt die Forschung dazu, wird der Traum vom ewigen Leben irgendwann Realität?

Adelheid Kuhlmey: „Im Moment werden wir durch einige Theorien in diesem Traum bestärkt. Als Wissenschaftlerin bin ich vorsichtig. Aber Fakt ist, dass wir eine Vorstellung von einer potenziellen Lebenslänge des Menschen haben, weil Menschen nachweislich ein gewisses Alter erreichen. Sie liegt heute nach wissenschaftlichem Standard bei ca. 115 bis 120 Jahren. Nachweislich haben Menschen dieses Lebensalter erreicht. Es zeigt sich aber in der Retrospektive, dass diese potenzielle Lebenslänge nach oben offen ist. Es hat noch niemand bewiesen, dass mit 130, 140 Jahren Schluss ist. Die potenzielle Lebenslänge ist nach oben offen und sie entwickelt sich immer weiter. Wir haben einen Zugewinn von Lebenszeit im statistischen Durchschnitt jährlich von 2 Monaten. Niemand hat bisher wissenschaftlich nachweisen können, dass es einen Punkt in der Lebenszeit gibt, an dem es nicht mehr weitergeht. Wo wir in 500 oder 1.000 Jahren stehen, kann heute niemand sagen. Alle wissenschaftlichen Belege sprechen dafür, dass die erreichbare Lebenszeit nach oben offen ist. Immer mehr Menschen erreichen ja heute schon die 100 Jahre. Die 100-Jährigen sind für die Langlebigkeitsforscher heute schon gar nicht mehr interessant. Die beschäftigen sich bereits mit den 110-Jährigen, von denen es weltweit bereits einige hundert gibt. Aber sozial gesehen scheint mir ewiges Leben mit einem großen Fragezeichen verbunden zu sein. Uns fehlt ja jetzt schon eine wirklich gute Vorstellung darüber, was wir mit 100 Jahren Leben anfangen sollen. Wir haben noch lange nicht die komplette Lebensspanne mit guten Rollenmustern ausgefüllt. Als Langlebige beschäftigen wir uns einfach immer länger mit immer Gleichem und halten fest an dem, was wir kennen und wollen das möglichst lange fortführen. Da ist noch wenig Wandel in unseren Rollen. Ich frage mich, was fangen wir mit 200 Lebensjahren an? Was würde das für unser generatives Miteinander bedeuten? Und wird uns das Leben nicht irgendwann langweilig? Ist es nicht auch von Vorteil, dass wir um die Endlichkeit des Lebens wissen?“

Einsamkeit ist in Zukunft wahrscheinlich ein großes Problem immer älter werdender Menschen. Was kann man dagegen tun?

Adelheid Kuhlmey: „Einsames Leben scheint ein immer größeres Public Health Thema zu werden. Viele Studien zeigen, dass ein einsames Leben ein Gesundheitsrisiko birgt wie Rauchen oder Übergewicht und zu Depressionen führen kann. Auch körperliche Erkrankungen hängen damit zusammen. Wir wissen, einsame Menschen ernähren sich oftmals nicht gut, bewegen sich zu wenig.  Nicht einsam zu sein ist eine Aufgabe des langen Lebens geworden. Immer mehr Menschen leben bewusst gewählt allein oder sind für viele Jahre allein, weil der Partner früher stirbt. Wir müssen also Räume schaffen, in denen Menschen unterschiedlicher Generationen sich begegnen können. Es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie sehr Kinder das Leben von Hochbetagten bereichern können und umgekehrt. Auch digitale Möglichkeiten haben ein Potential Einsamkeit entgegenzuwirken. Wir konnten es gerade jetzt beobachten wie Heimbewohner dank Skype oder anderen technischen Lösungen regelmäßig Kontakt mit ihren Angehörigen pflegen konnten. “

Wünschen Sie sich in Politik und Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit für das Thema „Alter(n)“?

Adelheid Kuhlmey: „Ein klares Ja, das wünsche ich mir von der Politik und der Gesellschaft, in der Menschen immer älter werden. Das wünsche ich mir von jedem Einzelnen. Wir planen so viel, vergessen aber gerne die letzte Phase des Lebens. Das ist eine Aufgabe von uns allen. Politische Entscheider sollten sich bei allem was sie entscheiden die Frage stellen, ob dies auch ein richtiger Schritt ist für die Integration eines langen Lebens. Denn nur daraus entsteht auch Generationengerechtigkeit.“

Was kann eine Kampagne wie die der AOK Baden-Württemberg (Ich bin jetzt) mit einer Online-Plattform für die Zielgruppe „Frauen ab 40“ bewirken?

Adelheid Kuhlmey: „Ich glaube, das ist ein guter Ansatz, Zielgruppen anzusprechen und Angebote zu machen. Es ist wichtig, Denkanstöße zu liefern und zu sagen, denkt im Hier und Jetzt an später, wie willst Du sein, wenn Du noch älter bist. Ich denke, die Zielgruppe findet sich in der Kampagne wieder und wird gut angesprochen. Die Gesundheitskasse wird das Leben der Frauen nicht in die Hand nehmen können, das können die Frauen nur selbst. Aber ein Angebot zu machen, Denkanstöße zu setzen und eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen, halte ich für erfolgsversprechend.“

Wie gehen Sie persönlich mit dem Älterwerden um und welche Ratschläge können Sie Frauen geben, die mit sich und dem Alter hadern?

Adelheid Kuhlmey: „Ratschläge gebe ich nicht so gerne, ich bin Wissenschaftlerin und versuche unser Wissen zum Leben im Alter anzureichern, sodass wir alle eine Basis für Entscheidungen haben. Ich werde bald 65 Jahre alt und befinde mich in einer Lebensphase, in der ich verstärkt versuche, das Altern anzunehmen. Das ist schon ein bewusster Prozess. Ich beobachte oft selbst an mir das Phänomen, wenn ich jemanden treffe, den ich 20 oder 30 Jahre nicht gesehen habe, zu denken, wie sieht der denn aus? Früher hatten wir doch das gleiche Lebensalter. Das ist nicht nur ein Alltagsphänomen, sondern dahinter steht die wissenschaftliche Tatsache, dass wir in unserer Gefühlslage, in unseren Werten und in unserem Normenkorsett nicht so schnell altern, wie unser kalendarisches Alter. Über lange Zeiträume bleiben wir relativ stabil und fühlen uns bspw. mit Mitte 60 wie mit 50. Man selbst kann sein kalendarisches Alter viel schlechter annehmen. Das ist auf der einen Seite gut, da es uns jung hält, andererseits müssen wir uns bei bestimmten Schnittstellen im Leben, wie dem Eintritt ins Rentenalter, mit dem Loslassen auseinandersetzen. In so einer Phase befinde ich mich zurzeit. Das ist nicht so leicht, aber diese Phase sollte man bewusst angehen und sich nicht unvorbereitet in eine neue Lebensphase hineinfallen lassen. Denn dann kann man leicht auch in ein Loch fallen.“

Wann haben Sie zuletzt einen kleineren oder größeren Lebenstraum in die Tat umgesetzt?

Adelheid Kuhlmey: „Schon viel zu lange nicht mehr, das hat aber auch mit meiner Arbeitssituation zu tun. Also sagen wir es so, Träume habe ich schon lange keine mehr umgesetzt, dafür durfte ich mir beruflich einige Lebensträume erfüllen und dafür bin ich sehr dankbar.“

Gibt es Dinge/Vorhaben, die Sie schon längere Zeit aufschieben, obwohl Sie wissen, dass sie Ihnen guttun würden?

Adelheid Kuhlmey: „Viel zu viele, aber sicher steht Reisen ziemlich an oberster Stelle. Aufgrund der Pandemie habe ich ja zurzeit eine gute Ausrede, die nächste Reise wieder aufzuschieben (lacht).“