Arzneimittel: Importquote ist ein zahnloses Bürokratiemonster

Datum: 25.07.2018 / Ressort: Arzneimittel

„Die Reimportquote schützt das Geschäftsmodell der Reimporteure durch quasi staatlich verordnete Umsatzgarantien“, so Dr. Christopher Hermann am heutigen Mittwoch (25.07.2018) in Stuttgart. „Diese – indirekte – Subventionierung eines Marktteilnehmers bedarf der besonderen Legitimation. Die ist nicht ersichtlich.“ Die Importquote verpflichtet Apotheken, im Bereich rezeptpflichtiger Medikamente zu mindestens fünf Prozent Parallelimporte an ihre Kunden abzugeben. Im Interview spricht sich der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg erneut für ihre Abschaffung aus.

Welche Auswirkungen haben Reimporte auf Patienten im europäischen Ausland wie z. B. Rumänien, Bulgarien, Portugal, wo die Kaufkraft wesentlich geringer ist?
Der Arzneimittelmarkt ist europaweit hoch intransparent. Inwiefern die deutsche Importquote zu Arzneimittelengpässen in anderen EU-Ländern führt, bleibt deshalb im Dunkeln. Fakt ist aber: Die gesetzlichen Krankenkassen versorgen in Deutschland rund 72 Millionen Menschen. Wird deren Arzneimittelbedarf auch durch Importe aus anderen EU-Ländern gedeckt, liegt nahe, dass dies zu Lasten der Versorgung der Menschen in anderen Ländern mit niedrigeren Arzneimittelpreisen geht.

Besteht – auch aufgrund der Importquote – ein Risiko durch gefälschte, gestohlene oder falsch umgepackte Medikamente?
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Informationen der Behörden, dass gefälschte Arzneimittel über den Weg der Importe in den deutschen Markt gelangt sind. Erst kürzlich deckte das ARD-Magazin Kontraste einen mit hoher krimineller Energie aufgezogenen Betrug mit Krebsmedikamenten aus Griechenland auf – mit nicht absehbaren Folgen für die Patientinnen und Patienten in Deutschland und Griechenland. Insofern ist es durchaus denkbar, dass auch die Importquote ein Einfallstor für gefälschte Arzneimittel ist.

Inwiefern ist die Quote noch ein wirksames Sparinstrument für die Krankenkassen? Wie hoch sind die Einsparungen durch Reimporte bei der AOK?
Für das Gesamtjahr 2017 hat die AOK Baden-Württemberg durch Reimporte ganze 7 Millionen Euro weniger für Arzneimittel ausgeben müssen. Zum Vergleich: Im selben Jahr hat das Unternehmen durch Arzneimittelrabattverträge fast 230 Millionen Euro eingespart. Dies zeigt: Arzneimittelrabattverträge als einziges marktwirtschaftliches Instrument im GKV-Pharmabereich sind auch gleichzeitig der wirksamste Weg, die Ausgaben der Versichertengemeinschaft für Arzneimittel zu dämpfen. Bürokratiemonster aus der planwirtschaftlichen Steinzeit der Arzneimittelausgabensteuerung in der GKV müssen im 21. Jahrhundert endgültig ausgemustert werden.

Was spricht denn überhaupt noch für die Importquote und warum sollte man die Arzneimittelimporte mit einer gesetzlich festgelegten Quote fördern?
Bei ihrer Einführung Anfang des Jahrhunderts war das Ziel der Importquote, das Preisniveau von Arzneimitteln in Deutschland zu senken. Zu diesem Zeitpunkt war die Importquote tatsächlich ein taugliches Instrument. Denn damals gab es bei vielen Wirkstoffen keinerlei funktionierenden Wettbewerb. Das hat sich geändert: Arzneimittelrabattverträge haben bei vielen Arzneimitteln zu ganz anderen Marktgegebenheiten und Preisen geführt. Die Importquote als planwirtschaftliches Instrument ist heute schlicht überflüssig.

Inwiefern würden die Patientinnen und Patienten im Land von einer Abschaffung der Importquote profitieren?
Die Reimportquote bedeutet für alle Beteiligten, vor allem für Apotheker, einen ganz erheblichen bürokratischen Aufwand. Sie müssen zunächst prüfen, ob ein Importarzneimittel, das die Anforderungen der Quote erfüllt, überhaupt verfügbar ist. Andernfalls muss die Apotheke dies auf dem Rezept kenntlich machen, um keinen Malus zu riskieren. Zudem muss die Importquote für jede einzelne Krankenkasse erfüllt werden. Im Sinne der Versorgungsqualität sollten die Apotheker diese Zeit viel eher in die Beratung der Patientinnen und Patienten investieren können.