Ein Kreuz für Gesundheit

Im März wird in Baden-Württemberg gewählt. Für die AOK und ihre Partner steht fest, was in der neuen Legislaturperiode für die Themen Gesundheit und Pflege getan werden muss.

Datum: 05.03.2021 / Ressort: Versorgung, Krankenhaus

Wie die Wahl auch ausgeht, eines steht jetzt schon fest: Um das Niveau der Gesundheitsversorgung im Land weiterzuentwickeln, braucht es starkes Engagement. Die Coronapandemie hat nicht nur gezeigt, wie leistungsfähig das Gesundheitswesen im Südwesten ist, sondern auch die Probleme veranschaulicht. Für die AOK Baden- Württemberg und ihre Partner stehen die Prioritäten fest.

PERSPEKTIVEN  FÜR KRANKENHÄUSER:

Über die Kliniklandschaft in Baden- Württemberg wird seit Langem diskutiert. Das Land hat einen Reformkurs eingeschlagen und ist damit, nach Einschätzung der AOK-Baden-Württemberg, prinzipiell auf dem richtigen Weg. Die Coronapandemie hat den Druck noch einmal erhöht. Denn das Virus verschärft die bekannten Probleme: „Die Krankenhäuser leiden unter fehlendem Personal, der unzureichenden Finanzierung ihrer Kosten und einer überbordenden Bürokratie“, bestätigt Detlef Piepenburg, Vorstandsvorsitzender der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft.

Aus Sicht der Gesundheitskasse sind mit 55.678 Betten zwar genügend Kapazitäten vorhanden, die Strukturen sind jedoch nicht durchweg zukunftsfähig – gerade mit Blick auf die Vielzahl kleiner Kliniken im Land. Auch beim Einsatz neuer Technologien kommen die Kliniken nicht schnell genug voran. „Eine gute Versorgung bemisst sich nicht nach der Anzahl der Krankenhäuser. Viel wichtiger sind sinnvolle Strukturen und Leistungsbündelung, um Expertenwissen generieren zu können“, sagt Nadia Mussa, AOK-Krankenhaus-Expertin. Die Kernaufgaben der stationären Versorgung sollten in großen, fachlich breit aufgestellten Hochleistungszentren liegen. In der Fläche werden wohnortnahe Angebote der Grundversorgung gebraucht.

„Wir wollen eine qualitativ hochwertige, flächendeckende und effiziente Patientenversorgung, die mit ausreichend Personal sowie zeitgemäßer medizinischer Ausstattung der Krankenhäuser sichergestellt wird“, sagt Piepenburg. Für die AOK bedeutet das: zentralisierte Strukturen mit Kliniken, die sich bei komplexen Eingriffen stärker spezialisieren. „Größere Einrichtungen können auch besser auf Krisen, wie jetzt die Coronapandemie, reagieren und sind meist besser ausgestattet als kleine Generalisten“, so Mussa. Um Strukturen im Kliniksektor zu verbessern, müssten Qualität und Patientenbedürfnisse im Vordergrund stehen.

Eine Schlüsselrolle spiele die Entwicklung der Grundversorgung, bei der ambulante Fach- und Hausärzte mit der pflegerischen Akutversorgung gut zusammenarbeiten sollten. Mussa: „Um die sektorenübergreifende Versorgung möglich zu machen, muss die Politik den rechtlichen Rahmen schaffen.“ Auch die Digitalisierung braucht eine übergeordnete Strategie. Die politischen Weichen müssten auf Bundes- wie auf Landesebene richtig gestellt werden, so Detlef Piepenburg: „Vor allem jedoch braucht es Einigkeit zwischen Kassen und Kliniken.“

RETTUNGSDIENST DIGITAL:

„Der Rettungsdienst von morgen muss effizient organisiert und digitalisiert werden“, fordert AOK-Fachmann Marc Steigerwald. Derzeit gebe es in Baden-Württemberg mit 34 Integrierten Leitstellen sehr viel Infrastruktur. Eine Leitstelle mit zentralem Serversystem, das in ein digitalisiertes Netzwerk mit dezentralen Arbeitsplätzen für die Disponenten eingebunden ist, könnte die Voraussetzung für eine flexible, standort- unabhängige und ausfallsichere Leitstellenstruktur bieten. Aus Sicht der AOK sollte das neue Leitstellengesetz daher keine einschränkenden Vorgaben enthalten, die einer zukunftsfähigen Leitstellenstruktur entgegenstehen, indem etwa eine bestimmte Anzahl von Leitstellen oder auch der Auf- enthalt von Disponenten „in einem Raum“ verbindlich vorgeschrieben wird.

Dort, wo neue Rettungswachen errichtet werden, müsse das Land ausreichende Fördermittel bereitstellen. Für die Krankenkassen ist es nur schwer möglich, zusätzlich zu den Vorhalte- und Betriebskosten des Rettungsdienstes bestehende Förderlücken zu kompensieren. Barbara Bosch, Präsidentin des DRK-Landesverbands Baden-Württemberg, formuliert es so: „Die Finanzierung der erforderlichen Infrastruktur muss an der Realität ausgerichtet sein.“ Die AOK spricht sich zudem für neue und landesweit einheitliche Planungsgrößen aus, die die Prozess- und Ergebnisqualität des Rettungsdienstes berücksichtigen.„

Die Hilfsfrist als alleiniges Planungskriterium ist ungeeignet, da sie nur die Anfahrtszeit zum Notfallort umfasst, aber nichts zum Therapieergebnis oder der Zustandsveränderung des Patienten aussagt“, begründet Steigerwald. Auch dürfe die Planung nicht an den Stadt- oder Landkreisgrenzen aufhören, sondern müsse regionenübergreifend erfolgen. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Rettungs- wagen auch wirklich dort sind, wo sie die größtmögliche Wirkung erzielen.

ARZTBERUF IM WANDEL:

In der Coronapandemie haben sich die ambulanten Strukturen als das Rückgrat der Versorgung erwiesen. So haben die niedergelassenen Ärzte in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr 2020 knapp eine halbe Million Patienten mit Infekt bei Covidverdacht und 80 Prozent der Covid-Positiven versorgt und dadurch die Krankenhäuser entlastet. „Das muss die neue Landesregierung berücksichtigen und die Förderprogramme für den niedergelassenen Bereich weiterführen oder auch die Ausweitung der Studienplätze konsequent sichern“, sagt Norbert Metke, Vorsitzender des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.

Die demografische Entwicklung stellt die ärztliche Versorgung vor eine große Herausforderung. Ein Drittel aller Hausärzte verabschiedet sich in den kommenden fünf Jahren in den Ruhestand und bereits heute kann nicht mehr jede frei werdende Stelle besetzt werden. Und bei den Fachärzten sieht es bei vielen Gruppen kaum besser aus. „Die Landesregierung geht mit der Landarztquote und der Einrichtung zusätzlicher Studienplätze und eines entsprechen- den Studienprofils in die richtige Richtung“, sagt AOK-Experte Jürgen Graf, „aber es braucht ein großes Gesamtpaket.“ Die Strukturen müssten auf die geänderten Bedürfnisse junger Mediziner angepasst werden. Dazu gehörten mehr Möglichkeiten zu Festanstellungen und zur Zusammenarbeit mit Kollegen. Die Berufsgruppe klagt vor allem über steigende Bürokratie – auch mit Blick auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Eine Option für bessere Verzahnung bei der Behandlung oder die Unterstützung der Ärzte durch Delegation an medizinische Fachangestellte stellen die Selektivverträge dar. Die AOK Baden-Württemberg bietet seit über zehn Jahren die Hausarztzentrierte Versorgung als Alternative zur Regelversorgung an und befördert damit auch die Digitalisierung, da sich die teilnehmenden Mediziner elektronisch vernetzen. Über 1,7 Millionen AOK-Versicherte haben sich bis dato in den Selektivvertrag eingeschrieben. „Der hausärztliche Beruf muss attraktiver werden. Wie das unter anderem gehen könnte, zeigen die Ergebnisse der Selektivverträge“, bestätigt Metke. Neben einer adäquaten Vergütung müssten für den KV-Vorsitzenden andere Rahmenbedingungen der Anstellung von Ärztinnen und Ärzten und der Gründerbefugnis von Medizinischen  Versorgungszentren her.

Auch die AOK spricht sich für Primärversorgungszentren als Baustein für die Versorgung der Zukunft aus. Gelungenes Beispiel dafür sei der Gesundheitscampus, der gerade in Calw entsteht

ANSCHUB FÜR DIE PFLEGE:

Bundesweit gibt es in Baden-Württemberg die höchste Lebenserwartung und nur 3,6 Prozent der Bevölkerung sind pflegebedürftig. Das ist zwar ein im Vergleich geringer Anteil, bedeutet dennoch, dass im Südwesten aktuell 400.000 Menschen Unterstützungs- oder Pflegebedarf haben. Eine große Herausforderung für die Familien, für die Pflegenden und die gesamte Gesellschaft – vor allem vor dem Hintergrund der demo- grafischen Entwicklung.

Die Stärkung der Pflegekräfte ist  eine wichtige Aufgabe. Dazu gehören auch Hilfs-, Hauswirtschafts- und Betreuungskräfte, die am Gesamtsetting Pflege beteiligt sind. „Professionell Pflegende müssen entlastet werden, sie brauchen unbedingt mehr Zeit für die Pflege. Das erreichen wir durch eine angemessene Personalausstattung und indem wir mehr Ausbildungsplätze fördern. Insbesondere junge  Menschen  müssen motiviert werden, in die Pflege zu gehen“, sagt Annette Holuscha-Uhlenbrock, Vorstandsvorsitzende der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg. AOK-Pflege-Expertin Britta March unterstreicht: „Dem Mangel an Pflegefachkräften kann mit einem Fach- und Skill-Mix, Kompetenzkonzepten und weniger Überregulierung effektiv begegnet werden – da müssen wir endlich ran.“

Natürlich steht immer auch die Finanzierung im Fokus. In der angekündigten Pflegereform ist die Deckelung des Eigenanteils für Pflegebedürftige in der stationären Pflege geplant. Das bedeutet bei der derzeitigen „All-inclusive-Leistungsinanspruchnahme“ steigende Kosten für  die Pflegeversicherung. March warnt: „Die Pflegeversicherung ist ein höchst komplexes Sozialversicherungssystem, das nicht noch unübersichtlicher werden darf.“ Dabei bestünde in vielen Bereichen Handlungsbedarf. Dass das Kurzzeitpflegeangebot er- weitert werden muss, stehe außer Frage

  • aber nicht, ohne die Zusammenhänge mit Leistungen wie Verhinderungspflege zu betrachten. „Wir wollen die bestmögliche Versorgung und haben den Anspruch, Präventions- und Reha-Angebote auszubauen
  • unbedingt auch in Pflegesettings“, so March. Autonomie, Selbstbestimmtheit und Teilhabe seien alternativlos. Drei Viertel aller Pflegebedürftigen wohnen zu Hause. „Die Quartiere – also Stadtteile oder Gemeinden
  • müssen sich in einer Weise entwickeln, dass alle Altersgruppen in ihrer Vielfalt eingebunden werden“, sagt Holuscha-Uhlenbrock. Nicht zuletzt habe die Coronakrise gezeigt, wie unerlässlich Digitalisierungsprozesse in der Pflege sind.

Das fordert die AOK Baden-Württemberg:

  • Das Gesundheitswesen muss resilienter gegen Pandemien werden. Das von
    der Landesregierung initiierte Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg
    hat wichtige Weichen gestellt. Regionale, vernetzte Strukturen sollten noch
    stärker fokussiert werden.
  • Die Coronakrise zeigt: Telemedizin ist eine sinnvolle Ergänzung zu bisherigen
    Behandlungsmöglichkeiten. Digitalisierung muss Bestandteil einer übergeordneten Versorgungsstrategie werden. Das Ziel sind aufeinander aufbauende Versorgungsstrukturen, kein Flickenteppich an Kleinstlösungen.
  • Die Reform der Krankenhauslandschaft gilt es fortzusetzen. Große Kliniken
    mit verschiedenen Fachgebieten können mehr Qualität in der Patientenversorgung bieten. Die Weiterentwicklung sollte nach Versorgungsstufen ausgerichtet
    und Qualität als messbares Planungsinstrument eingeführt werden.
  • In der ambulanten Versorgung sind verlässlich wohnortnahe und bedarfsorientierte Strukturen sicherzustellen. Die Attraktivität des Hausarztberufs muss
    erhöht werden, etwa durch die Unterstützung von Selektivverträgen.
  • Pflegeleistungen müssen den Pflegebedürftigen und ihren Familien mehr
    Lebensqualität und Teilhabe sichern. Sie sollten künftig unabhängig vom Wohnort
    erbracht werden – Schluss mit ambulant und stationär. Pflege muss weiter
    entbürokratisiert, vernetzt und intelligent unterstützend digitalisiert werden.

Dieser Text ist nachzulesen im Agenda Gesundheit Magazin Ausgabe 01/2021.