Für mehr Freiheiten - Dr. Lisa Federle will Daten sammeln um Konzepte für die Zukunft zu entwickeln

Tübinger Medizinerin fordert: "Wir dürfen nicht nur auf die Inzidenzen schauen."

Datum: 08.07.2021 / Ressort: Versorgung

Interview mit Dr. Lisa Federle - Hausärztin, Notfallmedizinerin und Initiatorin des Tübinger Modellprojekts „Öffnen mit Sicherheit“.

„Wir dürfen nicht nur auf Inzidenzen schauen“ - Auch nach Abbruch des Tübinger Modellprojekts setzt sich Lisa Federle für mehr Freiheiten von Bürgerinnen und Bürgern in der Pandemie ein. Die Medizinerin will Daten sammeln, um Konzepte für die Zukunft zu entwickeln

#AgendaGesundheit Magazin:Nachdem die Bundesnotbremse in Kraft getreten war, musste das Modellprojekt in Tübingen schließen. Wie ging es Ihnen damit?
Dr. Lisa Federle:
Ich finde das sehr schade. Das Projekt ist ja nur deshalb abgebrochen worden, weil die Inzidenz des Landeskreises Tübingen herangezogen worden war und nicht die der Stadt. Der Landkreis hatte aber gar nicht am Projekt teilgenommen. Weder die Firmen, noch die Schulen, noch die Bürgerinnen und Bürger sind in der Form getestet worden, wie in Tübingen. Sogar die Wissenschaftler der Uni Tübingen, die das Projekt begleitet haben, waren eindeutig für die Fortführung, trotz Notbremse.

#AgendaGesundheit Magazin:
Vor diesem Hintergrund sind Sie enttäuscht ...
Dr. Lisa Federle: Es geht hier gar nicht um mich. Ich habe immer gesagt, wir probieren es und wenn es für die Menschen nur ansatzweise gefährlich werden sollte, brechen wir den Versuch sofort ab. Was ich aber schlimm finde, ist, dass uns jegliche Möglichkeit genommen wurde, für die Zukunft zu planen. Nehmen wir an, wir würden im Herbst wieder in eine derartige Situation kommen: Wir haben aufgrund des Abbruchs gar keine Daten, auf die wir zurückgreifen können. Vielleicht wäre es uns ja möglich gewesen, den Menschen andere Perspektiven anzubieten.

#AgendaGesundheit Magazin:
Ist es nicht möglich, dass es bis Herbst Konzepte gibt, wie wir mit Pandemien umgehen?
Dr. Lisa Federle:
Das ist doch genau das Problem! Uns fehlt die Datengrundlage für solche Konzepte. Nur auf die Inzidenzen zu schauen, halte ich für falsch. Sollte es im Herbst tatsächlich wieder losgehen, fängt alles womöglich wieder von vorn an.

#AgendaGesundheit Magazin: Die Inzidenz als Richtschnur halten Sie für problematisch?
Dr. Lisa Federle: Wir sollten aus der Pandemie gelernt haben, dass das auf keinem Fall reicht. Warum? In Tübingen zum Beispiel lag die Inzidenz zum Teil um 25 bis 50 Prozent höher als in anderen Städten.

#AgendaGesundheit Magazin: Warum?
Dr. Lisa Federle: Weil wir mit dem flächendeckenden Testen mehr positive Fälle herausfiltern. Damit haben wir aber die Dunkelziffer verringert und einen besseren Überblick über die Infektionslage wie anderswo. In einer Stadt, in der also viel getestet wird, liegt der Inzidenzwert natürlich höher als in einer Stadt, die kaum testet.

#AgendaGesundheit Magazin: Welche anderen Parameter könnte es geben, die über einen Lockdown entscheiden?
Dr. Lisa Federle:
Zum Beispiel wie der Stand der medizinischen Versorgung ist oder die Belegung der Intensivbetten. Ein weiterer Parameter ist das Engagement der Bevölkerung.

#AgendaGesundheit Magazin: Verhalten sich die Bürgerinnen und Bürger verantwortlich?
Dr. Lisa Federle: Es ist ein Unterschied, ob ich ein Modellprojekt in Tübingen mache oder in einer Hochhaussiedlung in Essen, wo es schwierige soziale Umstände gibt. Genauso wichtig ist es zu berücksichtigen, wie das Impfen in den Städten organisiert wird und wie viele Menschen geimpft sind.

#AgendaGesundheit Magazin: Welche Bilanz ziehen Sie aus dem Modellprojekt?
Dr. Lisa Federle: Die wissenschaftliche Begleitung hat ergeben, dass die Öffnungen von Gastronomie, Theater oder Geschäften keine negativen Folgen auf die Inzidenz hatten. Außerdem war das Projekt nicht so teuer, wie landläufig behauptet wird. Laut den Berechnungen der Stadt haben Handel und Gewerbe gut verdient, was sich wiederum positiv auf die Gewerbesteuer auswirkte. Im Endeffekt können wir nicht dauernd alles schließen. Das verkraften die Kinder nicht und auch nicht die Betriebe, die Geschäfte oder die Selbstständigen.

#AgendaGesundheit Magazin: Was würden Sie empfehlen?
Dr. Lisa Federle: Wir hätten auch während der Notbremse weiter an Fragen auf Antworten arbeiten müssen wie: Welcher Beruf ist auch bei hoher Inzidenz sicher? Wo steckt man sich gar nicht an?  Namhafte Aerosolforscher sagen, dass es überhaupt kein Problem sei, sich draußen aufzuhalten. Auf dieser Grundlage hätten wir zum Beispiel auch entscheiden können, die Kinder draußen spielen und Sport machen zu lassen. Natürlich kontrolliert mit tagesaktuellen negativen Schnelltests. Es ist wichtig, zu differenzieren, ob Aktivitäten draußen oder drinnen stattfinden können.

#AgendaGesundheit Magazin: Mit Ihrer Initiative „#Bewegt euch“ möchten Sie genau das zeigen: Dass Sport auch unter Pandemiebedingungen möglich ist.
Dr. Lisa Federle: Genau. Die Initiative besteht aus zwei Bausteinen. Das Modellprojekt „#BewegtEuch – Sicherer Sport“ wurde jüngst von der Landesregierung genehmigt. Damit wollen wir Maßnahmen entwickeln, die in Zeiten eines erneuten Lockdowns Kindern und Jugendlichen unter kontrollierten, sicheren Bedingungen Sport ermöglichen. Auch dieses Projekt wird von der Universität Tübingen wissenschaftlich begleitet.

#AgendaGesundheit Magazin: Und der zweite Baustein?
Dr. Lisa Federle: Das ist der bundesweite Verein „#Bewegt euch – gemeinsam mit uns“, den ich Anfang Juni gemeinsam mit Jan Josef Liefers und Michael Antwerpes gegründet habe. Mit unserem Verein möchten wir Kindern über Patenschaften ermöglichen, ihren Lieblingssport auszuüben.

#AgendaGesundheit Magazin: Warum konzentrieren Sie sich bei Ihrem neuen Engagement ausgerechnet auf den Sport?
Dr. Lisa Federle: Sport erfüllt im Leben von Kindern und Jugendlichen eine essenzielle Funktion. Beim Sport finden Kommunikation und soziales Leben statt. Und das ist enorm wichtig im Hinblick auf die Schäden, die bei Kindern und jungen Menschen in den anderthalb Jahren entstanden sind und die die Gesellschaft noch massiv zu spüren bekommen wird.

#AgendaGesundheit Magazin: Welche Schäden meinen Sie?
Dr. Lisa Federle: In Tübingen ist die Kinderpsychiatrie so voll wie nie. Das macht mir Sorgen. Die Jugendlichen leiden an Ängsten, Essstörungen oder Depressionen. Viele Kinder haben verlernt, sich zu bewegen. Ansgar Thiel von der Uni Tübingen, der das neue Projekt wissenschaftlich begleitet, spricht von einem Infektionsschutz- Paradoxon: Einerseits will man durch Sportverbot Menschen schützen, andererseits führt das dazu, dass sie gesundheitlich abbauen und sich sozial isolieren. Wir brauchen sicher lange, um überhaupt auf den Stand von vor Corona zu kommen.

Lisa Federle und der Tübinger Weg:

Lisa Federle ist Hausärztin, Notfallmedizinerin und Initiatorin des Tübinger Modellprojekts „Öffnen mit Sicherheit“: Mit negativen Schnelltests konnten die Einwohnerinnen und Einwohner der Universitätsstadt Theater oder Gastronomie besuchen – bis zur Einführung der Notbremse am 26. April 2021. Für ihr Engagement ist Lisa Federle mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Im Juni gründete sie gemeinsam mit Schauspieler Jan Josef Liefers und SWR-Moderator Michael Antwerpes die Initiative „#BewegtEuch – gemeinsam mit uns“: Über Patenschaften sollen Kinder aus sozial schwachen Familien die Möglichkeit erhalten, ihren Lieblingssport auszuüben.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht im #AgendaGesundheit Magazin. Den Link zur aktuellen Ausgabe finden Sie im Anhang dieser Seite.