Gerlach: Baden-Württemberg als Vorreiter der interdisziplinären Versorgung

Datum: 18.10.2018 / Ressort: Versorgung

Am morgigen Freitag (19.10.2018) diskutiert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) mit gesundheitspolitischen Vertretern aus Baden-Württemberg, Bayern und Hessen die Ergebnisse seines jüngsten Gutachtens. Im Mittelpunkt stehen auch Vorschläge zur Verbesserung der sektorenübergreifenden Versorgung. Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe‐Universität Frankfurt am Main, sieht aufgrund seiner Forschungsergebnisse das Haus- und Facharztprogramm der AOK Baden-Württemberg bei der interdisziplinären Versorgung als Vorreiter: „Es wäre gut, wenn das, was hier bereits praktiziert wird, auch bundesweit Beachtung finden würde.“

Prof. Dr. Gerlach, was zeichnet Ihrer Ansicht nach das Haus- und Facharztprogramm besonders aus?

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach: „Eine Besonderheit der hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg ist die enge Verknüpfung mit inzwischen sechs ebenfalls strukturierten Facharztverträgen. Der ansonsten im deutschen Gesundheitswesen stark ausgeprägten Fragmentierung, die auf vielfältige Weise für mangelnde Effektivität und Effizienz verantwortlich ist, wird hier gezielt entgegengewirkt.“

Könnten Sie das etwas konkreter ausführen?

F.G.: „Es wird erstmals eine neue Qualität der Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten ermöglicht. So gibt es zum Beispiel regelhaft gezielte, auf der Basis von Versorgungspfaden sinnvoll koordinierte Überweisungen, eine explizite Orientierung an evidenzbasierten, qualitativ hochwertigen Entscheidungsgrundlagen und interdisziplinäre Fallkonferenzen.“

Und was bedeutet das für die Patientinnen und Patienten?

F.G.: „Für das Jahr 2016 wurden Patienten mit unspezifischem Rückenschmerz anhand verschiedener Indikatoren im Vergleich zur Regelversorgung untersucht, die im Rahmen des 2014 gestarteten Orthopädievertrages behandelt werden. Dabei haben wir relevante Unterschiede festgestellt. Die Vorteile zeigten sich unter anderem bei der Häufigkeit der Chronifizierung des unspezifischen Rückenschmerzes oder bei der Vermeidung unnötiger Krankenhausaufenthalte.“


Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach ist Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe‐Universität Frankfurt am Main und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.


Hinweise für die Redaktionen:
Vor zehn Jahren schlossen Hausärzteverband, MEDI und AOK Baden-Württemberg den ersten HZV-Vertrag (Hausarztzentrierte Versorgung). Mittlerweile nehmen knapp 5.000 Haus- und Kinderärzte und 2.500 Fachärzte und Psychotherapeuten an den Verträgen im Südwesten teil. Sie verantworten gemeinsam die Versorgung von 1,6 Millionen HZV-Versicherten und mehr als 625.000 Versicherten im gemeinsamen Facharztprogramm von AOK Baden-Württemberg und Bosch BKK.

Weitere Informationen sowie aktuelle Evaluationsergebnisse stehen zum Download bereit.