Heilung mit ganzem Herzen

Zehn Jahre AOK-FacharztProgramm

Datum: 29.09.2020 / Ressort: Versorgung

Von Frank Brunner

Kurz nach acht Uhr gibt Jürgen Sauer noch mal richtig Gas. Kraftvoll tritt der 66-Jährige in die Pedale, so als gehe es um sein Leben. Genau genommen stimmt das auch. Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn und dem nackten Oberkörper. Sauer strampelt und keucht – und kommt doch keinen Meter voran. Es ist ein Montagmorgen im Untersuchungsraum der kardiologischen Gemeinschaftspraxis in Bietigheim-Bissingen. Sauer sitzt auf einem Ergometer – mit Elektroden an Brust und Bauch absolviert er das obligatorische Belastungs-EKG. Der Test ist Teil seiner jährlichen Vorsorgeuntersuchung. „Wegen meines stark vergrößerten Herzens bin ich als junger Mann bei der Bundeswehr ausgemustert worden“, erinnert sich Sauer. Seit einiger Zeit leidet er auch noch an Herzrhythmusstörungen. Während er seine Pumpe ankurbelt, steht neben ihm Dr. Paloma Villena und schaut zufrieden auf den Monitor. Die Kardiologin analysiert Blutdruck, Herzfrequenz und Leistungsvermögen: „125 Watt pro Stunde – das ist eine leicht überdurchschnittliche Leistung für Menschen in Herrn Sauers Alter.“ Sauer strahlt. Gleich wird Villena ein ausführliches Gespräch mit ihm führen. Und das ist keine Selbstverständlichkeit heutzutage.

Kürzere Wartezeiten, längere Termine

Oft suchen mehr Patientinnen und Patienten Rat, als die Facharztpraxen bewältigen können. Die Konsequenz: Die Wartezeit für einen Termin ist lang, und die Zeit für einen persönlichen Kontakt zwischen Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten ist knapp. Mitglieder der AOK Baden-Württemberg bekommen im Cardio Centrum Ludwigsburg-Bietigheim schneller einen Termin und mehr Zeit mit den behandelnden Medizinerinnen und Medizinern. „Die AOK honoriert unsere Arbeit besser, und deshalb kann ich Behandlungen – etwa ambulante Implantationen von Herzschrittmachern – durchführen, die andere Kassen nicht übernehmen“, erklärt Villena. Außerdem könne sie in den Sprechstunden ihre Diagnosen und Therapien noch ausführlicher erläutern. Hintergrund dieser Vorteile sind die sogenannten Facharztverträge. Diese Vereinbarungen setzen auf die „hausarztzentrierte Versorgung“ und verknüpfen die haus- und die fachärztliche Behandlung zu einer ganzheitlichen ambulanten Versorgung. Haus- und Facharzt informieren einander gegenseitig mit ausführlichen Arztbriefen. Vor allem chronisch Erkrankte profitieren von dieser Art der Zusammenarbeit: Sie ersparen sich unnötige Klinikaufenthalte, müssen weniger lange auf Behandlungen warten, werden besser beraten, besser versorgt. Neben den erforderlichen technischen und diagnostischen
Leistungen honoriert das FacharztProgramm in besonderer Weise das persönliche Arzt-Patienten-Gespräch – und damit die Möglichkeit der individuellen Beratung etwa zur Krankheitsbewältigung und zur Prävention.

In Bietigheim-Bissingen hat Jürgen Sauer die Zielgerade erreicht. Erschöpft steigt er vom Rad, streift sich sein Shirt über, folgt Paloma Villena ins Sprechzimmer und setzt sich. „Ich habe diese Zwischenschläge außerhalb des normalen Herzrhythmus – woher kommt das?“, fragt er. Seine Ärztin erklärt ihm ausführlich Ursachen und Folgen dieser Störung. „In Ihrem Fall ist das harmlos”, betont Villena, verschreibt ihm aber eine symptomatische Therapie. Erleichtert atmet Sauer auf. Körperlich aktiv war er schon immer; er arbeitete als Drucker und Lagerist, spielte Fußball, trainiert mittlerweile im Fitnessstudio. Früher besuchte er verschiedene kardiologische Praxen. Doch vor einem Jahr empfahl ihm sein Hausarzt die Gemeinschaftspraxis von Paloma Villena und ihren Kolleginnen und Kollegen. Dafür wechselte Sauer von der Regelversorgung in einen Facharztvertrag. „Eine gute Entscheidung“, findet er. Er müsse seine Krankheitsgeschichte nicht immer wieder neu erzählen, das Vertrauensverhältnis sei besser. Mit seinen positiven Erfahrungen ist Jürgen Sauer nicht allein. Eine wissenschaftliche Evaluationsstudie der Goethe-Universität Frankfurt/Main analysierte das Modell, an dem sich neben der AOK Baden-Württemberg unter anderem auch der Bundesverband Niedergelassener Kardiologen, die Bosch BKK und Medi Baden-Württemberg beteiligen. Ein Team um Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Uni Frankfurt, resümiert, dass bei Herzinsuffizienz und der koronaren Herzkrankheit die Inanspruchnahme von Fachärztinnen und Fachärzten deutlich gezielter erfolgt als bei der herkömmlichen Versorgung. So liege die Überweisungsquote im Facharztvertrag bei fast 100 Prozent, in der Regelversorgung nur bei rund zwei Drittel. Die Studie belegt außerdem, dass es bei der Vermeidung unnötiger Krankenhausaufenthalte und Liegezeiten für die untersuchten Indikationen signifikante Unterschiede zugunsten des Facharztvertrags gibt und dass eine bessere ambulante Versorgungssteuerung, basierend auf passgenauen regionalen Strukturen, nachhaltig zu eindeutigen Qualitätsvorteilen bei geringeren Kosten führt.

In ihrer Praxis erklärt Paloma Villena ihrem Patienten Jürgen Sauer detailliert die Ergebnisse der Untersuchung. „Ihre Cholesterinwerte sind recht gut“, lobt die Kardiologin. Auch die Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader zur Schlaganfallvorsorge stimmt sie optimistisch. „Die Carotis-Duplex- Sonografie wird von den gesetzlichen Krankenkassen nicht
übernommen, im AOK-Facharztprogramm dagegen schon.“

Paloma Villena – roter Arztkittel, rote Brille, Lachfalten um die Augen – redet schnell. Aber nicht, um Zeit zu sparen. Sie will einfach sehr viele Hinweise an Jürgen Sauer weitergeben. Vor fast 30 Jahren landete die gebürtige Spanierin mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in der Bundesrepublik, wo sie promovierte, anschließend im Krankenhaus arbeitete und seit 2008 als niedergelassene Kardiologin praktiziert.

Gute Zusammenarbeit seit zehn Jahren
Vor zehn Jahren halfen Villenas Kolleginnen und Kollegen bei der Entwicklung des Facharztvertrags. „Wir sind eine der größeren kardiologischen Praxen in Baden-Württemberg, deshalb war es sinnvoll, dass wir uns an dem Projekt beteiligen.“ Bis heute betont sie die gute Zusammenarbeit mit der AOK Baden-Württemberg. Wichtig ist ihr, dass sich Patienten nicht auf eine Ärztin bzw. einen Arzt festlegen müssen. „Wenn Sie unzufrieden mit mir sind, Herr Sauer, können Sie jederzeit wechseln“, sagt Villena lachend. Jürgen Sauer schüttelt den Kopf: „Ich wechsle nicht.“ Der Rentner gehört zu den gesunden Versicherten in Villenas Praxis. Typisch für Patientinnen und Patienten mit kardiologischen Erkrankungen sind Stenosen der Herzkranzgefäße, Herzschwächen und schwere Herzrhythmusstörungen. Bei solchen Erkrankungen sei eine engmaschige Kontrolle extrem wichtig, wie sie durch die Facharztverträge garantiert werde.

An diesem Montag behandelt Dr. Villena 13 Patientinnen und Patienten – ein vergleichsweise ruhiger Tag. Normalerweise kommen zu Wochenbeginn mehr Akutpatienten ohne Termin, die am Wochenende Schmerzen in der Brust verspürt haben und die nun Klarheit über ihre Gesundheit haben möchten. Dann sitzt schon mal die doppelte Zahl an Ratsuchenden im
Warteraum. „Ein Hausarzt hat am Tag noch viel mehr Patienten – dafür führen wir aufwendigere Untersuchungen durch“, sagt Villena.

Viele Fachrichtungen sind Teil des Programms
Facharztverträge existieren nicht nur für die Kardiologie. Auch in der Gastroenterologie, PNP (Psychotherapie, Neurologie und Psychiatrie), Orthopädie, Urologie, Diabetologie, Rheumatologie und Nephrologie garantieren die Facharztverträge eine ausgezeichnete Patientenversorgung und bessere Arbeitsbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte in Baden-
Württemberg.

Paloma Villena ist in Bietigheim-Bissingen am Ende ihrer Sprechstunde mit Jürgen Sauer angekommen. „Bitte warten Sie noch einen Augenblick“, wendet sie sich an ihn. Und tippt die letzten Zeilen ihres Berichts für Sauers Hausarzt in den Computer, sendet ihn an den Drucker und sagt: „Den Bericht können Sie gleich mitnehmen.“ Jürgen Sauer wirkt zufrieden. „Bis nächstes Jahr“, sagt er und eilt zum Ausgang. Schon tritt der nächste Patient in Villenas Behandlungszimmer – und in ihrem Gesicht ist wieder das strahlende Lächeln zu sehen.

 

Diesen und weitere Beiträge finden Sie in unserem diesjährigen Unternehmensbericht "Heute schon an übermorgen denken".