Hilfe in besonderen Lebenssituationen

Interview mit Sabrina Münch vom Sozialen Dienst der AOK Baden-Württemberg

Datum: 22.01.2019 / Ressort: Versorgung

Schwere Krankheiten und damit verbundene Pflegebedürftigkeit können Betroffene und ihre Angehörigen vor enorme soziale und familiäre Belastungen stellen. Wenn zu einer einschneidenden Diagnose wie Brustkrebs noch weitere belastende Faktoren kommen z.B. die notwendige Betreuung von Kindern, weil kein anderes Familienmitglied übernehmen kann, brauchen viele jemanden, der sie an die Hand nimmt und als Wegweiser durch den Dschungel von Anträgen und Möglichkeiten führt und so ganz konkrete Hilfestellungen leisten kann. Dies und noch viel mehr gehört zum Aufgabengebiet von Sabrina Münch, Diplom-Sozialpädagogin beim Sozialen Dienst der AOK Baden-Württemberg:

Frau Münch, worin besteht denn Ihre Hauptaufgabe?

„Ganz klar im Finden von individuellen Lösungen für Menschen in besonderen Lebenssituationen. Dazu gehört die Beratung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, Sucht- oder Krebserkrankungen, die aufgrund weiterer Belastungen oder ungünstiger Umstände die Situation nicht alleine bewältigen und koordinieren können. Dabei geht es um eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen und seines Umfelds, um eine stabile Gesamtversorgung herstellen zu können. Daher findet z.B. der Großteil unserer Pflegeberatungen bei den Menschen daheim oder dann im KundenCenter vor Ort statt. Kehrt jemand beispielsweise nach einem Schlaganfall nach Hause zurück und ist weiterhin auf Pflege angewiesen, helfen wir vom Sozialen Dienst indem wir über Leistungen informieren und diese dann auch beantragen und koordinieren: Wir sprechen mit dem Pflegedienst, kümmern uns falls nötig um eine häusliche Hilfe und arbeiten auch mit anderen Netzwerkpartnern wie der Rentenversicherung oder dem Landratsamt zusammen. Wir stellen wo nötig auch Kontakt zu Selbsthilfegruppen her. Und ganz wichtig; Wir nehmen uns Zeit für Sorgen und Ängste und kümmern uns ganz individuell um jeden Betroffenen und dessen Familie.“

Gibt es weitere typische Fälle, um die sich der Soziale Dienst kümmert?

„Zielgruppen Sozialer Arbeit sind insbesondere sozial Benachteiligte, chronisch kranke Menschen, Behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen sowie Menschen mit multimorbiden Krankheitsbildern und einem komplexen individuellen Versorgungs- und Hilfebedarf, den sie selbst nicht oder nur ungenügend bewältigen. Typische Fälle gibt es nicht und schon gar kein 0815-Vorgehen. Wenn wir an der Haustür stehen, wissen wir selbst noch nicht, was uns erwartet und wie die Bedürfnisse der Leute aussehen. Daher sind wir vom Sozialen Dienst auch immer maximal gefordert, weil es immer neue Herausforderungen und andere Umstände gibt. Wir bieten unsere Hilfe an, wenn wir beispielsweise vom Krankenhaussozialdienst über eine Entlassung informiert werden, weil klar ist, dass der Patient zuhause Unterstützung benötigt, aber kein Angehöriger da ist, der das organisieren kann. Oder die Kollegen im AOK KundenCenter machen uns auf Kunden aufmerksam, die unsere Hilfe benötigen. Das ganze Angebot ist aber freiwillig seitens der Versicherten – sprich, wer keine Unterstützung von uns möchte, muss auch keine in Anspruch nehmen. Das kommt manchmal bei älteren Menschen vor, und solange keine akute Gefährdung besteht, werden wir dann auch nicht tätig.“


Was qualifiziert Sie für diese Aufgabe?
„Die Voraussetzung um beim Sozialen Dienst der AOK Baden-Württemberg arbeiten zu dürfen, ist ein abgeschlossenes Studium der Sozialpädagogik mit staatlicher Anerkennung. Bei mir war das ein duales Studium „Soziale Arbeit im Gesundheitswesen“ bei der AOK Baden-Württemberg mit Praxisphasen in der AOK vor Ort. Alle Mitarbeiter haben regelmäßig Seminare zu Gesprächsführung, lösungsorientierter Beratung, Deeskalationsschulungen, fachliche Weiterbildungen (bspw. Sozialrecht) oder eine Zusatzausbildung zur qualifizierten Pflegeberatung mit mehrtägigen Hospitationen im Pflegebereich. Ebenfalls verfügen circa 40 Kolleginnen und Kollegen über eine zertifizierte Weiterbildung für die psychoonkologische Beratung. Das rüstet uns gut für die komplexen und vielfältigen Aufgaben.“


Was berührt Sie in Ihrem Arbeitsalltag am meisten?

„Die Beratung von jungen Menschen, besonders wenn sie unheilbar erkrankt sind und nicht mehr lange zu leben haben. Wenn dann der verzweifelte Partner mit kleinen Kindern die Tür öffnet, geht mir das besonders nahe. Das spornt mich andererseits aber auch an, mein Bestes zu geben, um de Situation für die Familie erträglicher und leichter zu machen. Auch die Einsamkeit von älteren Pflegebedürftigen, bei welchen wir oft der einzige Ansprechpartner sind, berührt mich immer wieder sehr.“

Das klingt nach einer großen emotionalen Herausforderung - wie schaffen Sie es, da abends abzuschalten?
„Wir Kolleginnen und Kollegen sprechen nach schwierigeren Beratungsgesprächen immer darüber und beraten uns gegenseitig, sei es im Büro oder direkt nach der Beratung am Telefon. Während der ersten beiden Berufsjahre haben wir eine berufsbegleitende Supervision um das erlebte besser zu verarbeiten und uns emotional selbst zu schützen und abgrenzen zu können. Ich gebe alles – aber nach Feierabend bin ich selbst an der Reihe, sonst bin ich am nächsten Tag ja auch nicht fit um weiterzumachen. Und wir bekommen auch ganz viel zurück an Dankbarkeit und positiver Rückmeldung -  viele Patienten sind wirklich froh, dass es uns gibt und spiegeln uns das auch und wir merken, dass wir viel Gutes bewirken.“

Jedes Jahr beraten die circa 200 Diplom-Sozialpädagogen des Sozialen Dienstes 20.000 Betroffene und deren Angehörige. Zugang bekommen Versicherte über das KundenCenter, dieses leitet falls nötig an den Sozialen Dienst weiter.