Kinder - Pandemietreiber in Schule und Kindergarten?

Erkältungssymptome bei Kindern und Jugendlichen in Zeiten der Corona-Pandemie

Datum: 02.09.2020 / Ressort: Gesundheitstipps

Interview mit Dr. Roland Fressle, Landesverbandsvorsitzender Baden-Württemberg des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) und praktizierender Kinder- und Jugendarzt in Freiburg

Viele Eltern haben Sorge vor einer zweite Corona-Infektionswelle, aber vor allem auch davor, ob ihre verschnupften Kinder, die es ab Herbst wieder vermehrt geben wird, in die Schulen und Kindergärten dürfen. Nach wochenlangem Ausfall des Schulunterrichts und der Betreuung in Kindergärten im Frühjahr, fürchten viele Eltern erneut zwischen die Doppelbelastung Familie und Beruf zu geraten. Das Sozialministerium hat Ende Juli zusammen mit dem Landesgesundheitsamt Empfehlungen zum Umgang mit Erkältungs- und Krankheitssymptomen bei Kindern und Jugendlichen herausgegeben, um eine möglichst klare Regelung nach den Sommerferien 2020 zu haben.

Wie stellt sich die aktuelle Situation in den Kinderarztpraxen in Baden-Württemberg dar? Sind auch in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte wieder ansteigende Infektionszahlen zu beobachten?
Dr. Fressle: „Die Situation verändert sich von Tag zu Tag. Bisher sind – bezogen auf Kinder und Jugendliche – keine großen Anstiege der Infektionszahlen zu beobachten. Insgesamt betrachtet sieht die Situation etwas anders aus. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass die Infektionszahlen wieder steigen. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass derzeit mehr Tests durchgeführt werden. Was den Kinder- und Jugendärzten mehr Sorge bereitet ist, dass die klassische Infekt-Welle erst nach den Sommerferien im Herbst und Winter kommt. Und Corona ist nicht zu unterscheiden von „normalen“ Erkältungen. Annähernd die Hälfte der Kinder zeigt zudem keine Symptome.“

Glauben Sie, dass eine Anpassung der Regelung des Sozialministeriums und des Landesgesundheitsamts zum Umgang mit Erkältungs- und Krankheitssymptomen bei Kindern und Jugendlichen im Herbst notwendig sein wird?
Dr. Fressle: „In Krisensituationen sind immer Anpassungen notwendig und es ist nichts in Stein gemeißelt. Wenn wir aber die angesprochene Regelung – an der der BVKJ intensiv mitgearbeitet hat – nicht gemacht hätten, dann müsste man alles bald wieder zumachen. Das kann auf keinen Fall das Ziel sein.“

Die Politik hat beschlossen, die sogenannten Kinderkrankentage für Eltern vor allem auch wegen Corona zu erhöhen, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Was halten Sie davon?
Dr. Fressle: „Ich begrüße diesen Beschluss. Die Kinder und Familien müssen uns das wert sein. Jemand muss die Kinder betreuen, wenn sie krank sind. Während des Lockdowns konnten die Kinderkrankentage bis zu zwei Wochen per Telefon bescheinigt werden. Das war eine sinnvolle Lösung. Jetzt müssen alle Patientinnen und Patienten aber wieder persönlich bei uns vorgestellt werden. Das heißt aber, dass wir aus unserer Sicht oft unnötige Vorstellungsanlässe in den Praxen haben. Genau dies sollte aber weiterhin verhindert werden. Das die Möglichkeit der kontaktlosen Beantragung und Verlängerung außer Kraft gesetzt wurde erschließt sich mir nicht. Sie müssen sich vorstellen, dass im Praxisalltag eine strikte Trennung bei Behandlungen, Wartesituationen etc. notwendig ist. Wir müssen uns zum Beispiel Schutzkleidung an- und ausziehen und wenn jetzt durch die Aufhebung der Regelung mehr Personen in die Praxis kommen ist das kontraproduktiv und mit dem Praxisalltag nur schwer vereinbar.

Was können bzw. müssen Eltern tun, wenn ihr Kind einen Schnupfen oder Erkältungssymptome hat?
Dr. Fressle: „Wenn die Eltern den Eindruck haben, dass das Kind mehr als übliche Erkältungs- oder andere Krankheitssymptome hat, dann sollten sie erstmal telefonisch Kontakt mit dem Kinder- und Jugendarzt oder ihrem Hausarzt aufnehmen. Hier kann man schon sehr gut vorsteuern. Außerdem sollte in diesen Zeiten nur ein Elternteil mit dem erkrankten Kind in die Praxis kommen zum Beispiel auch ohne Geschwisterkinder. Der Grundsatz lautet möglichst wenig Menschen gleichzeitig in der Praxis zu haben, um Ansteckungen zu vermeiden. Und da spielt der telefonische Kontakt eine enorm wichtige Rolle.“

Ein Blick zurück, wie war die Situation zwischen März und Mai/Juni. Gab es viele Infektionen von Kindern mit Covid 19?
Dr. Fressle: „Es gab ganz wenig Infektionen bei Kindern und Jugendlichen, viele Studien zeigen niedrige Prävalenzraten (Anmerk.: Kennzahl für die Krankheitshäufigkeit). Ich sagte ja bereits, dass viele Kinder auch keine Symptome zeigen. Vieles an dieser neuartigen Krankheit ist bis heute noch nicht erforscht und genau verstanden. Durch die Schließung der Kindergärten und Schulen ab Mitte März gab es andererseits kaum andere Infekte. Wenn man so will war das ein positiver Nebeneffekt.“

Sind Kinder als „Pandemietreiber“ einzuschätzen?
Dr. Fressle: „Nein, das sind sie auf keinen Fall. Dieser harte Lockdown mit wochenlangen Schließungen von Bildungseinrichtungen ist sehr zwiespältig zu betrachten. Zwar konnte so die erste Welle erfolgreich eingedämmt werden, aber Kindern und Jugendlichen steht Betreuung und Bildung zu. Außerdem haben wir in dieser Zeit auch Kinder aus den Augen verloren, die in der Kita, der Schule oder bei uns in den Praxen aus unterschiedlichsten Gründen besser immer mal gesehen werden. Stichworte Misshandlungen, mangelnde Förderung, „Medienjunkies“ etc. Was bedeutet das für die Zukunft? Wir müssen sogenannte „lokale Brand- oder Glutnester“ gezielt bekämpfen und einzelne Klassen oder Gruppen schließen. Pauschale Schließungen ganzer Kitas oder Schulen sind immer schwierig. Das Ganze spielt sich vor einer gesellschaftspolitischen Situation ab, die diskutiert werden muss. Schließlich haben wir aber auch die Gesundheit der Lehrer und Erzieher zu schützen. Insgesamt wünsche ich mir einen ausgeglichenen Umgang mit der Pandemie – mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand. Wir dürfen nicht in Hysterie und Aktionismus verfallen, müssen aber andererseits die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen und dürfen die Gefahren durch das Coronavirus nicht unterschätzen.“