Muss das deutsche Gesundheitswesen effizienter werden oder wird Gesundheit auf Dauer teurer? Beides stimmt!

Wir stehen vor einem überproportionalen Anstieg der Gesundheitsausgaben

Datum: 22.07.2022 / Ressort: Versorgung

#AgendaGesundheit Magazin hat Prof. Dr. Jürgen Wasem Fragen zur Entwicklung der Gesundheitsausgaben gestellt. Der Experte für Gesundheitsökonomie rät, die Kostenzuwächse mit dem Rasenmäher zu bekämpfen und sich ansonsten damit abzufinden.

#AgendaGesundheit Magazin: Herr Wasem, Sie beschäftigen sich mehr als 30 Jahre mit Gesundheitsökonomie und haben seither alle Regierungen beraten. Was ist das Credo: Das deutsche Gesundheitswesen muss effizienter
werden, um die Kosten für die Solidargemeinschaft im Rahmen zu halten oder Gesundheit wird auf Dauer teurer, darauf muss sich jede und jeder einstellen?
Prof. Dr. Wasem:
Beides stimmt. Wir müssen die Effizienz in der Versorgung verbessern. Ich nenne beispielhaft die Strukturen der Krankenhauslandschaft oder die Schnittstelle zwischen der ambulanten und der stationären Versorgung. Aber wir stehen auch vor einer erheblichen Veränderung des Altersaufbaus der Gesellschaft. Der Altenquotient steigt in den nächsten 25 Jahren deutlich an, das führt zu einem überproportionalen Anstieg der Gesundheitsausgaben.

#AgendaGesundheit Magazin: Die Finanzlücke, die sich in der GKV für 2023 auftut, ist enorm. Momentan wird sie auf 17 Milliarden Euro geschätzt. Müssten allein die Beitragszahler die Lücke schließen, was würde das für den Beitragssatz bedeuten?
Prof. Dr. Wasem:
Die 17 Milliarden Euro entsprechen 1,1 Beitragssatzpunkten. Die Zusatzbeiträge müssten also von durchschnittlich aktuell 1,3 auf 2,4 Prozentpunkte ansteigen. Und zwar nicht einmalig, sondern dauerhaft. Und sie würden auch dann in den Folgejahren nur stabil bleiben, wenn die Ausgaben nicht stärker wachsen als die Einkommen der Versicherten.

#AgendaGesundheit Magazin: Der Bundesgesundheitsminister schließt Leistungskürzungen aus. Was würden Sie ihm raten, wie er die Löcher stopft?
Prof. Dr. Wasem:
Da strukturelle Reformen zumeist nicht sofort wirken, bleibt nur eine Kombination von höherem Bundeszuschuss, Beitragssatzanstieg und Kostendämpfung. Ich würde mit dem Rasenmäher über alle Leistungsbereiche die Ausgabenzuwächse begrenzen – wie das etwa beim letzten Kostendämpfungsgesetz 2010 geschehen ist.

#AgendaGesundheit Magazin: Stichwort Digitalisierung: Synergieeffekte und schnellere Prozesse sollen zur Kostenersparnis führen. Stimmt das überhaupt?
Prof. Dr. Wasem:
Bei den vielen Fehlschlägen, die wir mit der Digitalisierung bisher
erlebt haben, gebe ich dazu keine Prognosen mehr ab.

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht im #AgendaGesundheit Magazin. Den Link zur aktuellen Ausgabe finden Sie im Anhang dieser Seite.