Neue Praxis auf dem Land

Fehlende Hausarztpraxen: Konzepte für die Nachfolge sind gefragt

Datum: 17.08.2022 / Ressort: Versorgung

Schon heute fehlen in Baden-Württemberg rund 130 Hausärztinnen und Hausärzte, vor allem in ländlichen Regionen. Mehr als ein Drittel der Praktizierenden ist über 60 Jahre alt und wird in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Konzepte für die Nachfolge sind gefragt – so wie sie die Gemeinde Mögglingen im Ostalbkreis gefunden hat.

Es war höchste Zeit, dass wir hier eine Praxis bekommen“, sagt die Patientin, die im Wartezimmer der neuen Mögglinger Hausarztpraxis auf ihre Behandlung wartet. „Vorher bin ich immer nach Schwäbisch Gmünd gefahren, wenn ich zum Arzt musste – so wie viele andere auch. Vor allem für ältere Leute war das schon eine Belastung.“ Ebenso wie sie sind viele Menschen in Mögglingen froh, dass sich mit Janja Jerak und Julian Seitzer eine neue Hausärztin und ein -arzt für ihren Ort gefunden haben. Denn bevor das medizinische Versorgungszentrum (MVZ), in dem die beiden angestellt sind, im November 2021 eröffnet wurde, gab es für die 4.300 Einwohner der Gemeinde im Ostalbkreis lange nur einen Hausarzt. „Für so viele Menschen reicht das natürlich nicht aus“, sagt Adrian Schlenker, der seit 2014 Bürgermeister von Mögglingen ist. „Deshalb mussten wir uns was überlegen.“ Weil sich niemand fand, der sich als selbstständige Hausärztin oder Hausarzt in Mögglingen niederlassen wollte, entschied sich die Gemeinde für einen bislang eher ungewöhnlichen Weg: Als erste Gemeinde in Ostwürttemberg gründete Mögglingen ein medizinisches Versorgungszentrum, das zu 100 Prozent der Gemeinde gehört.

„Bevor wir die ersten Schritte Richtung MVZ gegangen sind, haben wir Ärzte nach Mögglingen eingeladen, die einen Bezug zur Gemeinde hatten und die gefragt wurden, was es braucht, damit sie sich eine hausärztliche Tätigkeit in Mögglingen vorstellen könnten“, berichtet Bürgermeister Schlenker. Mit dabei waren auch die Fachärztin für Innere und Allgemeinmedizin Janja Jerak, die mit einer Mögglinger Gemeinderätin befreundet ist, und der Facharzt für Innere, Notfall- und Palliativmedizin Julian Seitzer, der im Nachbarort Böbingen lebt. „In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Ärzte gern in einem Angestelltenverhältnis und in einem Team arbeiten möchten und von bürokratischen und personalverantwortlichen Themen entlastet sein wollen“, so Schlenker. „Mit dem MVZ konnten wir das möglich machen.“ Für Jerak und Seitzer war die Gelegenheit, als unbefristet angestellte Ärzte für das MVZ zu arbeiten, eine attraktive Alternative zu ihren vorigen Jobs in Nürnberg und Mutlangen. „Das MVZ ist ein gutes Modell, in das man als Arzt leicht einsteigen kann ohne finanzielles Risiko“, findet der 39-jährige Hausarzt. „Und man hat trotzdem viel Gestaltungsspielraum.“ Schon heute mangelt es in Baden-Württemberg an Hausarztpraxen. 2021 war der Kassenärztlichen Vereinigung zufolge mit 37 Prozent bereits mehr als ein Drittel der Hausärztinnen und -ärzte in Baden-Württemberg über 60 Jahre alt. Wenn dieser Anteil in den wohlverdienten Ruhestand geht, wird die Lücke von aktuell 130 fehlenden Hausärzten im Land noch weiterwachsen und den niederschwelligen und wohnortnahen Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung weiter erschweren.

Durch den demografischen Wandel fehlen aber nicht nur immer mehr Ärztinnen und Ärzte. Auch unter den Patientinnen und Patienten gibt es immer mehr Ältere mit unterschiedlichen Erkrankungen, die eine gute medizinische Versorgung benötigen. Hier gilt es Lösungen zu finden – etwa mit innovativen Versorgungseinrichtungen wie dem MVZ in Mögglingen. Auch in Calw wird derzeit ein neuer Gesundheitscampus gebaut, der 2023 fertiggestellt werden soll. Dort entsteht neben einem Kreiskrankenhaus und Facharztpraxen auch ein Hausärztliches Primärversorgungszentrum, das als Modellprojekt vom baden-württembergischen Sozialministerium gefördert wird. Die Robert-Bosch-Stiftung setzt sich mit dem Programm „PORT – Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung“ für die Einführung und Weiterentwicklung von lokalen, inhaltlich umfassenden und hochwertigen Gesundheitszentren in Deutschland ein. Ein wichtiger Aspekt: Die künftigen PORT-Gesundheitszentren sind auf den

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht im #AgendaGesundheit Magazin. Den Link zur aktuellen Ausgabe finden Sie im Anhang dieser Seite.