Neue wissenschaftliche Studie weist auf Wirksamkeit einer Zuckersteuer hin

Die AOK Baden-Württemberg warnt vor übermäßigem Zuckerkonsum

Datum: 09.04.2020 / Kategorie:

Die Besteuerung von Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker kann eine Konsumreduktion bewirken. Eine heute (09.04.2020) veröffentlichte Studie in der Cochrane Database of Systematic Reviews, an der die AOK Baden-Württemberg, die Universität Bremen, das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie und ein internationales Forscherteam gearbeitet haben, liefert mit Daten aus Ungarn erste Hinweise, dass eine Steuer auf extra gesüßte Lebensmittel den durchschnittlichen Konsum dieser Güter um 4 Prozent reduziert. „Auch Norwegen kann beim Thema Zuckersteuer als Pionier betrachtet werden, da hier Zucker und Lebensmittel mit zugesetztem Zucker wie beispielsweise Schokolade besteuert werden“, sagt Dr. Manuela Pfinder, Wissenschaftlerin der AOK Baden-Württemberg, die in dem Review die Federführung hatte.

 

Eine erhöhte Zuckeraufnahme kann ebenso wie ein hoher Fettkonsum, vor allem in Kombination mit Bewegungsmangel, zu Übergewicht führen. Dies ist ein Risikofaktor für ernst zu nehmende Erkrankungen wie Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall. In Deutschland konsumieren die Menschen laut Statista im Durchschnitt rund 35 Kilogramm Zucker pro Jahr. Der Tagesverbrauch eines Erwachsenen liegt bei ca. 95 Gramm Zucker pro Person. Dieser Konsum wird in den Ostertagen voraussichtlich noch weiter ansteigen. Allein 2018 kauften die Deutschen laut einer Studie des Marktforschers Nielsen etwa 30 Millionen Kilogramm Ostereier und Schokohasen und ließen sich das rund 394 Millionen Euro kosten. Und auch während der Corona-Krise greifen die Menschen in Deutschland vermehrt zu Süßigkeiten, da sie die meiste Zeit des Tages zu Hause verbringen. Laut Internationalem Süßwarenhandelsverband verzeichneten die Verkäufe von Süßwaren in den vergangenen Wochen ein zweistelliges Plus.

 

Wie hoch der Konsum zuckerhaltiger Lebensmittel schon in normalen Zeiten ist, zeigt eine Forsa-Befragung der Südwestkasse aus dem Jahr 2017: 89 Prozent der Befragten isst demnach mindestens einmal wöchentlich Süßigkeiten, Süßspeisen oder süßes Gebäck; fast die Hälfte (46 Prozent) sogar vier- bis sechsmal pro Woche oder täglich. Die Zahlen machen deutlich, dass ein freiwilliger Verzicht auf stark zuckerhaltige Lebensmittel schwerfällt.

 

Das heute publizierte Cochrane Review zur Wirksamkeit einer Zuckersteuer und einer Steuer auf Lebensmittel mit zugesetztem Zucker legt die dringliche Notwendigkeit fundierter Untersuchungen in diesem Bereich dar. Zudem zeigt sie, dass eine Steuer in Ungarn auf Lebensmittel mit zugesetztem Zucker den durchschnittlichen Konsum dieser Güter um 4 Prozent reduziert hat. Ähnliche Steuern, die bereits auf Bermuda, Dominica, St. Vincent und den Grenadinen sowie in Indien, Norwegen und der Navajo Nation Reservation eingeführt wurden, sollten untersucht werden, um das Vertrauen in die vorliegenden Ergebnisse zu erhöhen.

 

Dr. Manuela Pfinder: „Unsere vorläufigen Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die Besteuerung von Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker eine Konsumreduktion zu bewirken vermag. Es ist höchste Zeit, das weltweit zunehmende gesamtgesellschaftliche Gesundheitsproblem von Übergewicht und Adipositas anzugehen. Dazu besteht definitiv eine dringliche Notwendigkeit politischer Maßnahmen, um den Zuckerkonsum nachhaltig zu reduzieren.“ Die Besteuerung von Zucker und Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker sei eine von vielen möglichen Optionen, um das Ernährungsverhalten der Bevölkerung zu verbessern und Übergewicht präventiv zu begegnen. „Präventive Handlungen umfassen sowohl politische Maßnahmen als auch Interventionen, die dringlich notwendig sind, um die epidemische Zunahme von Übergewicht und Adipositas sowie deren gesundheitsschädlichen Wirkungen wie von der WHO ausgeführt, unter Kontrolle zu bekommen“, so Pfinder.

 

Hinweis für die Redaktionen:

Die Studie wurde finanziert von dem UK Medical Research Council, Scottish Government Chief Scientist Office, und dem Cochrane Review Support Programme 2019. Die Studie ist kostenfrei zugänglich unter www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD012333.pub2/full/de.