Serie Stress: Heinz Rudolf Kunze: „Ich lebe in der Gewissheit, dass die Panik mich jeden Tag wieder packen könnte.“

Datum: 10.04.2018 / Ressort: Versorgung, Gesundheitstipps

Stuttgart

Rock-Urgestein Heinz Rudolf Kunze ist einer der Gäste der „Sprechstunde im Theaterhaus“. Gemeinsam mit der Musikerin Judith Holofernes und dem Stressforscher Prof. Martin Bohus gibt er am 17.04. um 19:30 Uhr exklusive Einblicke in sein Gefühlsleben. Mit uns sprach er schon heute über Stress und sein persönliches Stressempfinden.

Herr Kunze, Sie verdienen Ihren Lebensunterhalt seit mehr als 35 Jahren mit Musik. Wie schafft man es, dem Druck der Branche so lange Stand zu halten?

Heinz Rudolf Kunze: „Der Druck ist da, sicher. Die Frage ist, wie man mit dem Druck umgeht. Mir gelingt das seit einigen Jahren sehr gut. Das hat mit dem Alter zu tun. Es hat aber gerade auch damit zu tun, dass ich schon so lange dabei bin. Wenn ich heute auf die Bühne gehe, kenne ich die Erwartungshaltung meines Publikums. Die Besucher meiner Konzerte sind sehr treu. Sie wissen, was sie von mir erwarten können. Dafür bin ich dankbar, denn das ist nicht selbstverständlich. Durch die lange gemeinsame Zeit – ich auf der Bühne, die Zuhörer im Saal – hat sich ein tiefer Rapport zwischen uns gebildet, der mich heute entspannt in meine Auftritte hineingehen lässt.

Das war aber nicht immer so. Gerade zu Beginn meiner Karriere litt ich unter furchtbarem Lampenfieber. Ich bin froh, das hinter mir gelassen zu haben.“

Sie hatten Ende der 1980er bis Mitte 1990er wiederholt mit Panikattacken zu kämpfen. Schaut man in Ihre Diskografie, scheint das Ihre Schaffenskraft nicht eingeschränkt zu haben.

HRK: „In meinem Beruf als Künstler haben mich die Panikattacken überhaupt nicht gebremst. Auch in dieser Zeit habe ich eine ganze Reihe weiterer Alben veröffentlicht, zwei Musicals für die deutsche Sprache adaptiert, mein Bowie-Buch geschrieben. Mein Körper hat sich einen ganz komischen Kanal gesucht. Die Panik kam immer nur, wenn ich allein zuhause war. Ich stand da oder saß und konnte mich einfach nicht mehr bewegen – solange, bis ich nicht mehr allein war. Das ging so über Jahre hinweg. Bis die Panik eines Tages einfach nicht mehr auftauchte.“

Das Ende Ihrer Panikattacken klingt unspektakulär. War es das?

HRK: „Ja und Nein. Ja, weil ich eine hervorragende Therapeutin hatte – die eigentlich gar nichts gemacht hat. Sie hat dagesessen, mich reden lassen, still zugehört, hin und wieder eine Bemerkung eingeworfen, mich weiterreden lassen. Und das war offenbar genau das, was ich brauchte. Davor hatte ich schon zwei andere Therapeuten ausprobiert, die Behandlungen aber nach einer Weile abgebrochen. Es waren zwar hochinteressante Gespräche, die haben mich nur leider überhaupt nicht weitergebracht (lacht).

Nein, weil ich die Tatsache, dass ich seit 20 Jahren keine Panikattacke mehr hatte, nicht als Ende der Panik empfinde. Ich lebe in der Gewissheit, dass sie jeden Tag zurückkehren könnte.“

Woraus schöpften Sie in dieser Zeit Ihren Lebensmut?

HRK: „Meine Bestätigung und meinen Antrieb lieferte mir meine Arbeit. Ich habe einfach einen wunderschönen Beruf. Er ist zwar anstrengend, und wir Musiker geben auf der Bühne sehr viel von uns. Aber es kommt eben auch vom Publikum viel zurück. Für mich ist Applaus wie Sonnenlicht – ein Genuss und Seelenstreichler.

Mit dem Top-Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ wurden Sie mit einem Schlag in Deutschland einem breiten Publikum bekannt. Wie groß war für Sie der Druck, nachlegen zu müssen?

 HRK: „Wie es der Zufall wollte, stieg ich kurz nach der Goldenen Schallplatte gemeinsam mit dem Financial Controller meines damaligen Plattenlabels in den Aufzug. Einer, der mir zuvor nicht einmal guten Tag gesagt hatte. Ich habe dem Label zwar auch zu Beginn meiner Karriere keine Verluste eingebracht, aber eben auch keine riesigen Gewinne. Jetzt hatte er mich plötzlich auf dem Schirm – und verabschiedete sich aus dem Lift mit den Worten: ‚Ab jetzt zähle ich auf Sie.‘ Von der Seite kam also Druck.

 Ich dagegen empfand gar keinen Druck, ganz im Gegenteil. Das Wissen, so etwas Großes erreicht zu haben, gab mir Kraft und Selbstvertrauen. Ich tankte aus diesem Erfolg vor allem Energie und Bestätigung.“

 Es folgten viele weitere Publikumserfolge. Die Bandbreite Ihrer Diskografie ist riesig. Woraus ziehen Sie auch nach all den Jahren noch Inspiration?

HRK: „Ich brauche keine Inspiration aus irgendwas zu ziehen. Meine Texte finden mich, nicht umgekehrt. Ich bin da wie ein Medium. Ich sitze in meinem Sessel und lese oder mit meiner Familie beim Essen – und auf einmal muss ich aufspringen, in mein Arbeitszimmer gehen und einen Text schreiben, der mir gerade unvermittelt in den Sinn kam.“

Stress kann auch aus sozialem Druck entstehen. Wie gehen Familie und Freunde damit um, wenn Sie das gemeinsame Essen plötzlich unterbrechen und Ihre Aufmerksamkeit nicht mehr Ihren Lieben, sondern ganz der Musik gehört? Tolerieren die das?

HRK: „Zum Glück, ja. Sonst wären es für mich auch nicht die richtigen Freunde.“

Sie werden in diesem Jahr 62 Jahre alt – und geben mehr und auch längere Konzerte als jemals zuvor. Haben Sie keine Sorge, sich und Ihren Körper mit diesem Pensum zu überfordern?

HRK: „Ich hoffe, ich kann das noch sehr lange machen. Heute fühle ich mich auf der Bühne mit meinem Publikum wohler denn je. Und derzeit habe ich nicht das Gefühl, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei auch mein Management, mit dem ich schon sehr lange und vertrauensvoll zusammenarbeite. Die achten schon darauf, dass ich nicht verbrenne.“

Herr Kunze, wir wünschen Ihnen, dass Sie noch sehr lange auf der Bühne stehen und Musik machen und freuen uns sehr auf den 17.04. und die Sprechstunde im Theaterhaus mit Ihnen.

 

Über die Anzeichen von Stress und wie man den Auswirkungen auf die Gesundheit präventiv entgegenwirken kann, dazu findet ein anregender Talk im Theaterhaus Stuttgart statt. Die beiden Musiker Judith Holofernes und Heinz Rudolf Kunze sowie der wissenschaftliche Experte Professor Martin Bohus diskutieren gemeinsam über Methoden zum Abschalten. Ein Abend, der durch die Live-Auftritte der beiden Songwriter alles andere als stressig wird, sondern viele Anregungen zum Umdenken liefert und zugleich einen spannenden Einblick in das Künstlerleben von Holofernes und Kunze gibt

Termin: 17. April 2018 um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart, Siemensstraße 11, Stuttgart

Weitere Informationen und Tickets unter: www.Sprechstunde-im-Theaterhaus.de