Serie Stress: "Wenn Stress zur Panik wird. Mein Leben im Alarmzustand"

Datum: 27.03.2018 / Ressort: Versorgung

Ein Gastbeitrag von Autor und Blogger Uwe Hauck

Die Diagnose der Ärzte in der psychiatrischen Klinik lautete auf schwere, wiederkehrende Depression und generelle Angststörung. Irgendwie war es erleichternd, nach einem allumfassenden und völligen Zusammenbruch auf meiner Arbeitsstelle, der sogar in einen Suizidversuch mündete, endlich dem Kind einen Namen geben zu können.

Es hatte eigentlich schon mit der ersten Arbeitsstelle jenseits des Universitätsbetriebs begonnen. Plötzlich wurde bewertet, kontrolliert, formal eingesperrt. Alles, was ich an Forschung und Studium geschätzt hatte, wurde von Regeln und Bürokratie überlagert. Und dann kam, bei meinem zweiten Arbeitgeber dieses eine Gespräch. Man lieferte Kritik, setzte mich unter Druck, drohte gar mit disziplinarischen Maßnahmen bis hin zur Kündigung. Das mündete in einen Nervenzusammenbruch. Schließlich hatten wir gerade ein Haus gekauft und erwarteten das dritte Kind. Von diesem Tag an geriet ich in eine Leistungsspirale, die mir letztlich fast das Leben geraubt hätte. Nichts war mehr gut genug, ich wollte alles noch etwas besser machen. Aus Angst vor Abwertung, vor Versagen. Der Druck wurde von Jahr zu Jahr größer, aber ich erkannte ihn nicht, weil ich ihn mir selbst auferlegte. Die Jahresgespräche gerieten für mich zu Dramen, vor denen ich bereits Tage davor Panik hatte. Jedes kritische Wort, jede Beurteilung konnte in mir mittlerweile eine Panikattacke auslösen.

Gelegentlich wird die Bedeutung von Stress für die Ausbildung einer Angststörung oder einer Depression verneint. Ich kann für mich sicher sagen, meine Depression, meine Panikattacken wurden erst durch den Stress, den Druck im Beruf, die Angst vor Verlust der Existenz bedrohlich.

Die Klinik war nach einem Suizidversuch  für mich die Rettung. Hier konnte ich frei von Druck und Leistungsförderungen wieder zu mir kommen. Aber es brauchte Zeit, bis das Hamsterrad endlich stillstand. Bis ich mir eingestehen konnte, eine Depression zu haben und das nicht als Schwäche zu sehen, sondern als lebensbedrohende und schwere Erkrankung. Und ich musste vieles erst wieder lernen. Nein sagen war da noch das “einfachste”. Meinen Wert nicht mehr nur aus dem ziehen, was ich tue war und ist für mich elementar wichtig. Zu lange war ich abhängig von den Urteilen anderer über mich, konnte jedes kritische Wort eine allumfassende Panikattacke auslösen.

Ich vertrete im Gegensatz zu manch anderer Meinung die Position, dass mit der wichtigste Verursacher von Depressionen und Ängsten Stress ist. Nicht zwangsweise beruflicher Stress, obwohl dieser der Gefährlichere ist, da man ihm nur sehr schwer entkommt, besteht doch immer der Anspruch auf Spitzenleistung, die dann im nächsten Jahr schon als Standard gesehen wird.

Wir leben mittlerweile in einer Realität, die von immer mehr Druck, immer höherem Leistungsdenken geprägt ist. Dem gilt es entgegenzuwirken, zu hinterfragen, wie drängend Aufgaben wirklich sind. Denn nur, wenn wir wieder Zeit für uns finden, den Druck rauszunehmen lernen, können wir das persönliche Risiko einer psychischen Krankheit auf Grund von Stress senken.

Ich habe meine Prioritäten nach den Aufenthalten geändert. Als Autor habe ich mit “Depression abzugeben.” ein Buch geschrieben, das hoffentlich andere Menschen berührt, zu sich kommen lässt und dazu motiviert,  sich Hilfe zu suchen, sollte der Stress, der Druck bereits übermächtig sein.

Das Buch war quasi eine Art Aufarbeitung meiner Erlebnisse nach dem Zusammenbruch und meinem Weg zurück ins Leben. Zurück in ein anderes, ein besseres Leben. Und die Rolle als  Autor ist auch ein Stück Befreiung. Denn jetzt ist da ein weiterer Aspekt meines Lebens, der jenseits von Erwerbsarbeit liegt aber für mich die Möglichkeit bietet, meine Kreativität frei auszuleben, die ich zuvor unter dem rationalen  Panzer eines Informatikers versteckt gehalten habe.

Und ich schöpfe meinen Wert nicht mehr aus dem, was ich tue, sondern daraus, dass ich lebe. Der Mensch hat einen inhärenten Wert durch seine pure Existenz. Dieser ist weder hinterfragbar noch verleugbar. Leistung ist wichtig, aber nicht lebenswichtig.


Uwe Hauck ist freier Autor und Blogger. Nach einem Studium der Computerlinguistik und Künstlichen Intelligenz und einem anschließenden Stipendium arbeitete er von 1997 bis heute bei verschiedenen IT-Dienstleistern. Hauck veröffentlichte bisher zwei Sachbücher und aktuell einen Tatsachenroman. In „Depression abzugeben“ berichtet er über seinen Suizidversuch und die darauf folgenden Klinikaufenthalte und versucht, Depressionen etwas von ihrem Stigma zu nehmen.


Über die Anzeichen von Stress und wie man den Auswirkungen auf die Gesundheit präventiv entgegenwirken kann, dazu findet ein anregender Talk im Theaterhaus Stuttgart statt. Die beiden Musiker Judith Holofernes und Heinz Rudolf Kunze sowie der wissenschaftliche Experte Professor Martin Bohus diskutieren gemeinsam über Methoden zum Abschalten. Ein Abend der durch die Live-Auftritte der beiden Songwriter alles andere als stressig wird, sondern viele Anregungen zum Umdenken liefert und zugleich einen spannenden Einblick in das Künstlerleben von Holofernes und Kunze gibt.

Termin: 17. April 2018 um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart, Siemensstraße 11, Stuttgart

Weitere Informationen und Tickets unter: www.Sprechstunde-im-Theaterhaus.de