Trotz Klimakrise: Nachhaltigkeit ist im Gesundheitswesen praktisch Neuland

Christian Schulz von der Organisation KLUG will Mitglieder der Gesundheitsberufe zu Fürsprecher für den Klimaschutz machen

Datum: 08.04.2022 / Ressort: Versorgung

Mit PD Dr. Christian Schulz, Geschäftsführer der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), sprach #AgendaGesundheit über die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gesundheit und wie sich das Gesundheitssystem entwickeln muss um nachhaltig zu sein:

#AgendaGesundheit: Was hat der Klimawandel mit Gesundheit zu tun?

Dr. Christian Schulz: Jede Menge. Einerseits wirken sich Klimaveränderungen wie Hitzewellen oder Flutkatastrophen auf das Leben und die Gesundheit von Menschen aus. Andererseits erzeugt der Gesundheitssektor in Deutschland, aber auch global betrachtet, fünf Prozent der klima- und gesundheitsschädlichen CO2-Emissionen. Und in beidem liegt natürlich ein Widerspruch. Das Gesundheitssystem ist einerseits für
die Gesundheit von Menschen zuständig, gefährdet ihre Gesundheit aber auch durch Umweltverschmutzung und durch Treibhausgasemissionen.

#AgendaGesundheit: Wo genau entstehen denn die Emissionen?

Dr. Christian Schulz: Ein Drittel entsteht unmittelbar im Umfeld der Einrichtungen, also durch die Gebäudetechnik oder Energie, die bezogen wird. Zwei Drittel werden zum Beispiel über Logistik oder Abfall erzeugt. Um wirklich netto null zu kommen, müssten nicht nur Gesundheitseinrichtungen selbst aktiv werden, sondern wir müssten auch die Art und Weise verändern, wie wir unsere Gesundheitsleistungen finanzieren, um nicht falsche Anreize zu setzen. Wenn wir verstehen, dass die Klimakrise für eine enorme Krankheitslast sorgt und dass Menschen aufgrund dessen sterben, dann ist klar, dass wir keine einzige Behandlung ohne Nebenwirkungen machen, solange der Gesundheitssektor nicht klimaneutral ist.

#AgendaGesundheit: Wie muss sich das Gesundheitssystem entwickeln, um nachhaltig zu sein?

Dr. Christian Schulz: Wir haben im Zusammenhang der Recherche zu unserem Buch „Planetary Health“ festgestellt, dass die Menschen in jedem Fachgebiet der Medizin kränker sind, als sie sein müssten, weil wir weniger nachhaltig leben, als wir könnten. Auch der Gesundheitssektor beginnt erst, seine Rolle in der Klimakrise ernst zu nehmen und dafür zu sorgen, ressourcenschonend und klimaneutral zu handeln.

#AgendaGesundheit: Wie kann das gelingen?

Dr. Christian Schulz: Indem wir die Mitglieder der Gesundheitsberufe, die ein hohes gesellschaftliches Ansehen haben, zu Fürsprechern für den Klimaschutz machen. Es ist wichtig, den Gesundheitssektor als zentralen Akteur zu gewinnen, weil er in alle Teile der Gesellschaft hineinreicht. So wie wir leben, wird es in Zukunft nicht mehr funktionieren. Wir müssen den Plan ändern. Wir Hatten 100.000 Corona-Tote in zwei Jahren und haben auch den Plan geändert. Um zu verhindern, dass es noch mehr werden, haben die Menschen den Lockdown erfunden.

#AgendaGesundheit: Welche konkreten Maßnahmen schlagen Sie vor?

Dr. Christian Schulz: Stellschrauben sind ressourcensparende Gebäudetechnik, grüne Energie oder eine nachhaltige Einkaufsstrategie. Darin unterscheidet sich das Gesundheitssystem nicht von anderen Unternehmen. Aber auch Therapien können auf ihre Klimaneutralität geprüft werden. Für einen kleineren Eingriff erzeuge ich mit der Narkose mitunter Emissionen, die einer Fahrt mit dem SUV von München nach Hamburg entsprechen. Zu überlegen wäre: Funktioniert eine weniger klimaschädliche Form der Narkose genauso gut? Aber auch durch die Prävention von Krankheiten lassen sich Emissionen reduzieren.

#AgendaGesundheit: Können Sie den Zusammenhang erklären?

Dr. Christian Schulz: Wenn Menschen zum Beispiel mehr Gemüse und Obst essen und häufiger mit dem Rad fahren, hat das einen doppelten Nutzen: Sie leben gesünder und nehmen deshalb weniger Gesundheitsleistungen in Anspruch. Außerdem belasten sie das Klima weniger, weil ihr Lebensstil weniger Kohlenstoffdioxid emittiert. Bei dieser Entwicklung spielen die Krankenkassen eine große Rolle, weil sie durch erfolgreiche Präventionsprogramme ihre Kosten nachhaltig reduzieren.

#AgendaGesundheit: Wie kann die Transformation im Gesundheitssektor finanziert werden?

Dr. Christian Schulz: Mittlerweile fordern Krankenkassengesellschaften bereits mehr Geld für Investitionen in nachhaltige Strukturen. Allerdings geben die Länder die Investitionen frei. Hier sehe ich ein zentrales Problem: Als Investoren profitieren die Länder nicht unmittelbar von einem klimaneutralen Umbau. Es bedarf also eines Anreizes, damit sie die höheren Kosten, die die Transformation erfordert, durchwinken. Dabei ist eines klar: Alles, was wir jetzt in die Hand nehmen, spart uns hinten heraus Geld für die Anpassungen, die die Gesellschaft für die Auswirkungen des Klimawandels aufbringen müsste. Wenn sich die Erde um zwei Grad erwärmen sollte, ist eine Klimaanpassung überhaupt nicht mehr finanzierbar.

#AgendaGesundheit: Prognosen zufolge nehmen Hitzewellen und Hitzestress zu. Schon 2017 hat das Bundesumweltamt Kommunen empfohlen, Hitzeaktionspläne aufzustellen – nur wenige sind der Empfehlung gefolgt. Warum?

Dr. Christian Schulz: Es gibt oft finanzielle Gründe, aber nicht ausschließlich. Um die Menschen vor den Folgen der Klimakrise zu schützen, sind wir derzeit gefordert, viele Dinge mit einer hohen Dringlichkeit zu verändern. Hitzeaktionspläne gehören dazu und sie sind in Deutschland freiwillig. Warum? Wären sie für die Kommunen verpflichtend, müsste der Bund sie finanzieren. Die Franzosen haben es gemacht. Sie hatten während der Hitzewelle im Jahr 2003 die meisten Toten.

#AgendaGesundheit: Muss Nachhaltigkeit also gesetzlich verankert werden?

Dr. Christian Schulz: Wir brauchen beides, Haltung und Gesetze. Wenn zum Beispiel die Klinikgeschäftsführung die Notwendigkeit der Veränderung sieht, ist sie eher bereit, ein teures Mehrweg- als ein billiges Einwegprodukt zu kaufen oder eine Photovoltaik Anlage auf dem Dach zu installieren. Verweist die Geschäftsführung aber auf das im Sozialgesetzbuch verankerte Gebot der Wirtschaftlichkeit wird klar, dass es eines regulatorischen Rahmens bedarf

#AgendaGesundheit: Wie kann vor diesem Hintergrundnachhaltiges Personalmanagement im Gesundheitswesen gelingen?

Dr. Christian Schulz: Krankenhäuser unterliegen einem hohen Druck in der Art, wie sie wirtschaften, auch aufgrund des Vergütungssystems. Dieser Druck setzt sich im Arbeitsalltag fort. Das kann ökonomisch sinnvoll sein, aber es ändert auch die Art und Weise, wie wir Medizin machen und wie die Menschen in diesem System miteinander umgehen. Das macht in meinen Augen das Arbeiten im Gesundheitssektor zunehmend unattraktiv und gefährdet die Qualität und Zukunftsfähigkeit des Systems. Die Situation wird sich nur lösen, indem man die sozialen Berufe aus ihrer Ecke holt und gesellschaftlich aufwertet. Und dabei spielt nicht zuletzt eine faire und angemessene Vergütung eine entscheidende Rolle.

#AgendaGesundheit: Hat das Thema Nachhaltigkeit durch die Pandemie eigentlich an Tempo aufgenommen?

Dr. Christian Schulz: Zunächst hat sie es ausgebremst. Diejenigen, die sich innerhalb der Health-for-Future-Bewegung engagierten und für Veränderungen in ihren Einrichtungen Sorgen wollten, fanden erst mal kein Gehör. Alle haben angstvoll nach Bergamo geschaut und überlegt, wie sie sich auf solche Situationen vorbereiten. Dennoch hat die Pandemie zwei Vorteile gebracht: Sie hat die Vernetzung und Zusammenarbeit beschleunigt. Und sie hat deutlich gemacht, was passieren wird, wenn wir uns weiterhin auf dem Planeten so aufführen und unseren Lebensraum ausdehnen in Bereiche, in denen wir nichts verloren haben. Die Erde wird uns wie einen ungebetenen Gast vor die Tür setzen.

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht im #AgendaGesundheit Magazin. Den Link zur aktuellen Ausgabe finden Sie im Anhang dieser Seite.