Twankenhaus - Visionen für das optimale Krankenhaus

AOK Baden-Württemberg im Gespräch mit Dr. Ulrike Koock vom Verein (in Gründung) #twankenhaus

Datum: 15.05.2019 / Ressort: Krankenhaus

Interview der AOK Baden-Württemberg mit Frau Dr. Ulrike Koock vom Verein (in Gründung) #twankenhaus:

Wer sich online zu Gesundheitsthemen informiert, trifft immer öfter auf den Begriff  twankenhaus und online auf  den Hashtag #twankenhaus – wer oder was ist twankenhaus?

Wir sind ein Zusammenschluss von Menschen, die in unserem Gesundheitswesen in den unterschiedlichsten Berufen arbeiten und für bessere Rahmenbedingungen kämpfen - für die Patienten*innen und die Arbeitnehmer. Das Twankenhaus entstand aus dem Wunsch heraus, das perfekte Krankenhaus zu konzipieren. Natürlich können wir aktuell kein Krankenhaus bauen. Aber wir können als Team aus Pflegefachkräften, Ärzte*innen, Therapeuten*innen und Sanitäter*innen auf Missstände aufmerksam machen und Lösungsvorschläge entwickeln.
Das Twankenhaus fußt auf drei Säulen: Zum einen gibt es den theoretischen Diskurs über die Missstände und mögliche Lösungsansätze. Diese erarbeiten und veröffentlichen wir schließlich in Positionspapieren. Und damit unsere Arbeit nicht nur theoretischer Natur ist, haben wir Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen gebildet, unter anderem zum Beispiel „Gesundheitsbildung“ und „Rettungsdienst“. Die Vereinsgründung ist beantragt, die Satzung steht, der Vorstand wird bald gewählt, der Twitter-Account hat etwa 6600 Follower, wir haben eine Homepage und regelmäßige Telefonkonferenzen. Wir sind sehr aktiv und mit vielen Verantwortlichen rund um Krankenhaus und Gesundheitswesen im Gespräch.

Was sind die Ziele vom Twankenhaus?

Unser Gesundheitssystem ist zu sehr auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Wenn der Patient als „Ware“ oder Investment gesehen wird, ist das gefährlich für ihn und auch für die Arbeitnehmer im Krankenhaus, die diesen Weg mitgehen müssen. Personalmangel an allen Ecken und Enden, Liegezeiten, die sich nicht nach den Bedürfnissen der Erkrankten, sondern nach den Fallpauschalen richten, fehlende Ausbildung und mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Das sind Probleme, die gelöst werden müssen. Wir möchten mit der Erfahrung von vielen Beteiligten Lösungsvorschläge entwickeln, die den Patienten und den Arbeitnehmern im Gesundheitswesen zugutekommen. Basisdemokratisch mit Hilfe und der Meinung von allen, die mitreden möchten, entwickeln wir durch unsere moderne und unkonventionelle Arbeitsweise über die sozialen Medien und intensiven Diskurs unsere Positionspapiere.

Da gibt es ja eine gemeinsame Schnittmenge mit der AOK Baden-Württemberg, zum Beispiel bei der sektorenübergreifenden Versorgung. Wo sehen Sie in dem Themenfeld gute Ansätze?


Wir sind für eine stärkere Zusammenarbeit der verschiedenen Fachdisziplinen untereinander und von Haus- und Fachärzten mit den Krankenhäusern. Das würde die Qualität der Patientenversorgung erhöhen. Es gäbe unterschiedliche Ansatzpunkte: Zum einen muss die haus- und fachärztliche, ambulante Versorgung sichergestellt sein, damit die Patienten ihre Grundversorgung haben. Offene Sprechstunden zu erzwingen halten wir für den falschen Weg, denn in überfüllten offenen Sprechstunden haben Ärzte keine Zeit für eine patientenorientierte Medizin. Wenn die Grundversorgung erfüllt ist, kann ein Krankenhaus sich um die Patienten kümmern, die intensivere Therapie benötigen. Gerade bei chronisch erkrankten Patienten ist eine integrierte Versorgung entscheidend, da oft mehrere Fachärzte oder Kliniken beteiligt sind. Daher muss unbedingt auch über Digitalisierung gesprochen werden. Weil nur im Rahmen der Digitalisierung die Behandler, egal ob Pflegefachkräfte, Therapeuten oder Ärzte, Zugriff auf die Daten haben und nicht jeder der Behandler „seine Baustelle“ bedient. Die Behandler müssen quasi am digitalen runden Tisch sitzen und die beste Therapie für den Patienten finden. Gemeinsam mit dem Patienten, denn gestärkte Patientenkompetenz erhöht durch Zuversicht und Mitarbeit den Heilerfolg.
Die Digitalisierung birgt viele Chancen. Über die Risiken darf man aber nicht hinwegsehen und der Schutz der Daten muss unbedingt gewährleistet sein. Wir erhoffen uns von der Digitalisierung eine Arbeitserleichterung, die so noch nicht gegeben ist, weil auch hier interprofessionelle Zusammenarbeit das Problem darstellt. Dass es geht, zeigen uns positive Beispiele aus dem Ausland. So könnten Patient*innen und Behandler*innen einen großen Nutzen aus dieser Technologie ziehen. Der Schlüssel ist wie in allen Bereichen interprofessionelles Arbeiten, es braucht hierfür Fachleute aus der Medizin, der Informatik, der Medizintechnik und dem Datenschutz, damit sensible Daten verantwortungsvoll behandelt werden. Die Unsicherheit diesbezüglich ist verständlicherweise hoch.

Und wo gibt es noch Nachholbedarf?

Der Prävention sollte ein noch höherer Stellenwert zugesprochen werden, denn Prävention heißt ja, Krankheiten zuvorzukommen. Ansätze gibt es diesbezüglich einige. Wir setzen uns zum Beispiel für die Gesundheitsbildung in der Bevölkerung ein. Die aktuelle Medizin ist auf das Heilen von Krankheit ausgerichtet. Besser wäre es, Krankheit erst gar nicht entstehen zu lassen. Und hier kann man ganz früh ansetzen: Ernährung in Kindergärten und Schulen verbessern und lehren, Bewegung und Sport ausbauen, Erste-Hilfe in jungen Jahren beibringen. Und auch bei denjenigen, die schon Patienten*innen sind, ist Prävention wichtig. Man nennt es Sekundärprävention, wenn nach einer Erkrankung Folgeschäden minimiert werden sollen. Zum Beispiel die frühe Mobilisation nach einer Operation, damit Patienten*innen nicht immobil werden und Folgekrankheiten entwickeln. Das darf man nun nicht verwechseln mit den zu schnellen Entlassungen, die es leider häufig gibt. Nein, Patienten*innen benötigen unter Anleitung im Rahmen ihrer Kräfte und Möglichkeiten eine Therapie, die sich auch im ambulanten Sektor zuhause fortsetzt. Wo wir wieder bei der sektorenübergreifenden Versorgung wären. Die „sprechende Medizin“, also das Gespräch zwischen Arzt und Patient, muss außerdem besser vergütet werden, damit mehr Zeit für Patienten*innen genommen werden kann. Das schafft Vertrauen und stärkt die Patientenkompetenz. Aufklärung, Bildung, verbesserte Rehabilitation, ambulante Pflege stärken, die Kompetenzen der Notfallsanitäter*innen erweitern - das alles entastet auch die Krankenhäuser. Natürlich kostet Prävention Geld. Aber langfristig lohnt sich das Engagement.

Wie können Krankenkassen dazu beitragen, damit sich die Arbeitsbedingungen in den Kliniken verbessern?

Es gibt multiple Ansatzpunkte, wie man Krankenhäuser entlasten und damit die Arbeitsbedingungen verbessern kann.  Dazu gehört zum Beispiel die Stärkung des ambulanten Sektors bei chronisch kranken Patienten, der Ausbau der ambulanten Pflege sowie die Unterstützung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.
Oft werden chronisch kranke Patient*innen in die Krankenhäuser eingewiesen, weil es ein sogenanntes Versorgungsproblem im ambulanten Sektor gibt: Es ist dort schlicht niemand da, der sich um die Menschen kümmert und das Problem wird auf die Kliniken abgewälzt.
In der ambulanten Pflege stehen Pflegekräfte enorm unter Zeitdruck. Niemand kann einen schwer kranken Menschen in wenigen Minuten effektiv pflegerisch unterstützen. Hier muss ebenfalls angesetzt werden.
Der Ärztliche Bereitschaftsdienst oder die an Krankenhäuser angebundene Notdienstpraxen fungieren oft als „Wellenbrecher“, um die Notaufnahmen zu entlasten.
Ferner können sich Krankenkassen beispielsweise noch stärker an der Bildung und Aufklärung beteiligen und so die Gesundheitskompetenz der Versicherten erhöhen. Bonusprogramme für Seminare und Prävention gibt es von vielen Kassen ja bereits und das kann sicherlich erweitert werden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Krankenhäuser?

Wir haben mit dem Twankenhaus unser ideales Krankenhaus definiert: Multiprofessionelles Arbeiten auf Augenhöhe, denn kein Arzt*in kann ohne die Pflege handeln, keine Pflege ohne Therapeuten und ohne fähige Sanitäter*innen sind die Patienten „draußen“ schlechter versorgt. Das optimale Krankenhaus handelt abseits von der Ökonomisierung der Patienten*innen und der Gesundheit. Wichtig ist die gemeinsame Entscheidungsfindung mit den Patienten*innen und diese in Entscheidungsprozesse einzubinden. Uns liegt konkret am Herzen, die Patientenkompetenzen zu erweitern. Die ambulante Versorgung sollte an die Krankenhäuser besser angebunden werden, zum Beispiel auch durch eine Stärkung und einen Ausbau der regionalen, niedergelassenen Ärzte. Die Zusammenarbeit von stationärem und ambulanten Sektor ist entscheidend.

Was muss sich ändern, um den Patienten*innen eine bestmögliche Versorgung zu bieten?


Es geht um weniger wirtschaftlichen Druck und mehr Zeit. Zeit für Patienten*innen, Zeit für Bildung, Zeit für Privatleben. Es geht um mehr Personal in allen Bereichen, denn auch die Gesundheit der Mitarbeiter ist entscheidend, wenn Patienten optimal versorgt werden wollen. Es geht um mehr Aus-, Fort- und Weiterbildung, denn nur kompetente Mitarbeiter leisten gute Versorgung. Es geht um Stärkung der Patienten*innenkompetenz. Es gibt eine schöne Weisheit: „Der äußere Arzt behandelt, der innere Arzt heilt.“ Gesundheit ist nicht nur apparative Medizin. Gesundheit ist ein Stärken der Prävention und ein Stärken der Ressourcen.

Vielen Dank Dr. Ulrike Koock  für das Gespräch! Wir sind gespannt, wie #twankenhaus im Gesundheitswesen wirkt und die Bedingungen für Patienten*innen und Mitarbeiter*innen in den Kliniken verbessert. Mehr Informationen zu #twankenhaus unter www.twnknhs.de


Für eine bessere sektorenübergreifende Versorgung hat die AOK Baden-Württemberg bundesweit beachtete Projekte entwickelt und umgesetzt, wie zum Beispiel die Hausarztzentrierte Versorgung mit den angeschlossenen Facharztverträgen oder das patientenorientierte Einweisungs- und Entlassmanagement VESPEERA.