Unisex - Ein Sündenfall

Alle gleich zu behandeln, ist ein Grundsatz der Menschenrechte. Doch in der Medizin muss man es differenziert angehen. Ein Beitrag zur Gendermedizin aus dem politischen AOK-Magazin #AgendaGesundheit.

Datum: 11.05.2021 / Ressort: Versorgung

Frauen sind keine weiblichen Männer. Sie leiden an anderen Erkrankungen und Symptomen als männliche Patienten. Gesundheitsversorgung darf deshalb nicht unisex sein. Die Erkenntnisse der Gendermedizin müssen in Lehre und Forschung, in Praxis und Politik ein Umdenken anstoßen.

Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind so alt wie die Menschheit.  Vergleichsweise jung ist die Disziplin der Gendermedizin, die sich mit dem Einfluss von Geschlecht auf Krankheit und Gesundheit beschäftigt. Frauen und Männer können bei derselben Erkrankung auch andere Symptome zeigen. Außerdem können Medikamente im weiblichen Organismus eine andere Wirkung haben als im männlichen. Trotzdem findet das Geschlecht in medizinischen Studien, Lehrbüchern, in der Diagnostik und Gesundheitsversorgung bis heute nur wenig Berücksichtigung.

Zu wenig, meint Vera Regitz-Zagrosek, Professorin an der Berliner Charité. Schon als junge Kardiologin fiel ihr auf, dass Herzerkrankungen bei Frauen eine andere Herangehensweise erfordern. „In meiner Zeit als Oberärztin merkte ich, dass bei Frauen Symptome oft nicht verstanden wurden, dass die Frauen bestimmte Medikamente nicht vertragen haben oder die Dosierungen nicht passten“, erklärt sie. „So habe ich angefangen, mich vermehrt mit dem Thema zu beschäftigen.“ Die Kardiologin untersucht den Einfluss des Geschlechts auf die Prävention, Entstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Krankheiten. Von 2007 bis 2019 leitete sie das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin, den bis heute einzigen Lehrstuhl für Gendermedizin in Deutschland. Entsprechend weiß Regitz-Zagrosek genau, wie unterschiedlich sich manche Erkrankungen äußern können.

Ein Herzinfarkt zum Beispiel wird immer noch von vielen als Männerkrankheit betrachtet. Dabei sind auch häufig Frauen betroffen – nur auf etwas andere Art.

„Bei einem Herzinfarkt zeigen Frauen und Männer oft unterschiedliche Symptome. Bei Männern ist es meist ein Engegefühl in der Brust, bei dem die Beschwerden vor allem in den linken Arm ausstrahlen“, erklärt die Kardiologin  „Frauen haben oft ein bunteres Symptombild mit unterschiedlichen Beschwerden wie starker Schwäche, Übelkeit, Schmerzen in den Schultern und im Oberbauch.“ Der Schmerzauslöser sei bei Frauen oft unklar. Deshalb werde ein Herzinfarkt nicht immer gleich als solcher erkannt.

Außerdem hat ein Herzinfarkt bei weiblichen Betroffenen oft eine andere Ursache. Auch in puncto Häufigkeit und Altersverteilung gibt es Unterschiede. So trifft der klassische Herzinfarkt, der infolge eines Arterienverschlusses auftritt, Männer im Durchschnitt zehn Jahre früher. Daher bringen Frauen weitere Risikofaktoren und Erkrankungen älterer Menschen mit, die eine Prognose nach dem Infarkt verschlechtern. Zudem kommen bei Frauen häufiger unbekanntere Formen vor, etwa ein Herzinfarkt, der durch einen Riss in der Innenwand der Herzkranzgefäße entsteht. „Und ein solcher Infarkt kann Frauen durchaus schon in jüngerem Alter treffen“, so Regitz-Zagrosek.

Depressionen und Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose werden ebenfalls häufiger bei Frauen diagnostiziert. Gleichzeitig sind Mädchen und Frauen in der Kindheit und als Erwachsene gesünder als Jungen und Männer. In der Jugendzeit ist es umgekehrt. Denn in der Pubertät leiden Mädchen vergleichsweise häufiger unter Schmerzen, Schlaf- oder Essstörungen und unter Depressionen. Das zeigt auch der erste Bericht zum Thema „Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland“ des Robert-Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamtes, der im Dezember 2020 veröffentlicht wurde.

Trotz der teils großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern kommen Frauen in der medizinischen Forschung oft zu kurz. In Studien und bei Tierversuchen entscheide man sich oft nur für männliche Probanden, kritisiert Regitz-Zagrosek. Eine systematische Untersuchung beider Geschlechter gebe es häufig nicht. „Weniger als zehn Prozent der Tierversuche werden an beiden Geschlechtern  durchgeführt“, so die Professorin. Grund dafür sei, dass man lange geglaubt habe, dass es bei weiblichen Mäusen zu starke hormonelle Schwankungen gebe, um in Tierversuchen aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen. „Manche Forscher geben das Geschlecht der Versuchstiere gar nicht an“, so Regitz- Zagrosek. Es sei jedoch wichtig, in Studien beide Geschlechter zu betrachten – sowohl in Tierversuchen als auch bei Medikamententests am Menschen. „In der ersten Phase von Arzneimittelstudien am Menschen werden oft nur Männer genommen, weil bei Frauen erst eine mögliche Schwangerschaft ausgeschlossen werden müsste“, erklärt die Wissenschaftlerin. Frauen nähmen häufig erst in einer sehr späten Phase an Medikamentenstudien teil. „Das heißt also, sie bekommen Arzneimittel, die kaum an ihrem Geschlecht getestet wurden.“

Biologische und soziale Faktoren

Auch Stefanie Joos, Ärztliche Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen, kritisiert das fehlende Bewusstsein für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin. Innerhalb des Forschungsprojekts „Frauengesundheit und Präventionsmedizin“ haben Joos und ihr Team um Professorin Stephanie  Wallwiener von der Unifrauenklinik Heidelberg, dem Forschungsinstitut für Frauengesundheit des Uniklinikums Tübingen und der AOK Baden-Württemberg die anonymisierten Daten von knapp vier Millionen AOK-Versicherten analysiert und nach geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten ausgewertet. Dabei untersuchten sie auch den Verlauf verschiedener Erkrankungen bei Männern und Frauen. Auf Basis ihrer Auswertungen wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herausfinden, ob Männer und Frauen eine spezifische Versorgung oder spezielle Präventionsangebote brauchen.

„Neben den gynäkologischen und urologischen Besonderheiten, die für beide Geschlechter spezifisch sind, gibt es eine ganze Menge weiterer Aspekte, die bei der gendersensiblen Gesundheit eine Rolle spielen“, sagt Joos. So sei etwa bekannt, dass einige Arzneistoffe bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken. „Östrogen beeinflusst zum Beispiel die Reizleitung am Herzen, weshalb sogenannte QT-verlängernde Medikamente, also etwa Antidepressiva, möglicherweise bei Frauen häufiger Nebenwirkungen am Herzen auslösen können“, so die Medizinerin. Das weibliche Geschlecht könne aber auch ein Risikofaktor für zu spät gestellte Diagnosen sein, zum Beispiel im Falle eines Herzinfarkts oder bei einer HIV-Infektion, da diese Erkrankungen als „untypisch“ für Frauen eingeordnet würden.

Auch am Thema Corona gehe die Geschlechterfrage nicht vorbei, meint Joos. „Männer haben bei einer Covid-Erkrankung je nach Altersgruppe ein drei- bis vierfach höheres Risiko als Frauen für einen schweren Verlauf. Die Ursachen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht geklärt, ebenso wenig wie die Frage, ob sich die Wirkung und Nebenwirkungen der Impfstoffe in Abhängigkeit des Geschlechts unterscheiden.“

Bei der Betrachtung geschlechtsspezifischer Unterschiede müssten aber nicht nur anatomische und physiologische Besonderheiten von Mann und Frau berücksichtigt werden, sondern auch das soziale und kulturelle Umfeld sowie der persönliche Lebensstil der Geschlechter, meint Joos. „Denn auch diese Aspekte wirken sich auf Erkrankungshäufigkeiten, Selbstmanagementkompetenzen und die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen aus.“

Fehlende Vermittlung im Studium

Schon bei der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten zeigt sich Handlungsbedarf. Denn in der Lehre ist gendermedizinisches Wissen nicht weit verbreitet. Ein Gutachten der Charité Berlin, des Deutschen Ärztinnenbundes und der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin aus dem Jahr 2020 zeigt, dass Medizinstudierende zu wenig darüber lernen, wie sich das Geschlecht auf Krankheiten und Therapien auswirkt. Zwar sei an den meisten Medizinischen Fakultäten „ein Bewusstsein für die Relevanz von geschlechtersensiblen Aspekten angekommen“, heißt es. Es sei aber auch „sehr deutlich“, dass die Integration von geschlechtersensiblen Aspekten in die Lehre „noch nicht genügend vorangeschritten ist“.

Stefanie Joos fordert deshalb ein stärkeres Bewusstsein für das Thema in der Lehre, der Versorgung und der öffentlichen Wahrnehmung sowie ein „generelles Umdenken“ in der Forschung. „Es ist wichtig, dass die gendersensible Medizin mehr Aufmerksamkeit bekommt, dass weitere Forschungsprojekte spezifisch gefördert werden, dass aber auch – und das halte ich für elementar – in allen anderen Forschungsprojekten, die nicht speziell auf das Thema ausgelegt sind, immer auch geschlechtersensible Analysen mitberücksichtigt und dann auch publiziert werden“, so Joos. „Das ist kein so großer Aufwand und würde unser bisher noch sehr löchriges Bild der Geschlechterunterschiede im Bereich der Medizin vervollständigen.“

Auch Vera Regitz-Zagrosek sieht großen Nachholbedarf – in Lehre, Forschung und Politik. „Wir müssen bei heranwachsenden Ärztinnen und Ärzten ein Bewusstsein für das Problem schaffen und die Gendermedizin in der Lehre fördern“, sagt sie. „Und die Politik sollte vor allem die Arzneimittelforschung dazu verpflichten, statistisch zu testen, also Daten zu Männern und Frauen zu erheben und offenzulegen.“ Zwar sei das Bewusstsein für gendermedizinische Fragen in den letzten Jahren schon etwas gewachsen, dennoch sei die Medizin in Deutschland immer noch sehr geschlechterblind, meint Vera Regitz-Zagrosek. „Es gibt zwar Tropfen auf den heißen Stein, aber die reichen noch lange nicht, um den Stein zu kühlen.“