"Was stresst, ist immer abhängig davon, in welcher Gesellschaft man lebt."

Datum: 16.03.2018 / Ressort: Versorgung

Stressige Situationen kennen alle. Doch wie entsteht Stress im Körper, wie reagiert er darauf und welche Stressfaktoren gibt es? Antworten gibt PD Dr. Sabine Knapstein, Ärztin bei der AOK Baden-Württemberg.

Wie und wo entsteht denn im Körper Stress?

Dr. Sabine Knapstein: "Wir hören, sehen, riechen, fühlen oder schmecken ständig etwas. Unser Nervensystem nimmt diese Reize aus der Umwelt auf, leitet die Signale weiter an das Gehirn, das diese Reize verarbeitet. Je nachdem, welche Erfahrungen wir gemacht haben, empfinden wir bestimmte Reize als angenehm, andere hingegen als unangenehm. Reize, die als unangenehm empfunden werden, sind Stressfaktoren. Fluglärm oder auch ein Presslufthammer wird als Störung empfunden, der Körper stuft diesen Reiz daher als Stressfaktor ein. Ganz anders Vogelgezwitscher oder Meeresrauschen, das die meisten Menschen als angenehm empfinden – sie entspannen sich, wenn sie diese Geräusche hören.“

Und die Reaktionen darauf?

S.K.: "Bei Stressreaktionen lassen sich drei Ebenen unterscheiden:

1. Die mentale Reaktionsebene – dabei geht es um Gedanken und Gefühle. Man steckt beispielsweise im Stau fest auf dem Weg zu einem Termin und fragt sich „warum ausgerechnet jetzt, warum immer ich?“ Es entwickelt sich Frust und Ärger.

2. Die Reaktion im Verhalten: um beim Beispiel Stau zu blieben - man gerät in Hektik, sucht nach Möglichkeiten aus dem Stau zu „entkommen“, betätigt die Lichthupe, schimpft vor sich hin.

3. Die Reaktionen im Körper: Er schüttet Stresshormone aus, die zu folgenden körperlichen Reaktionen führen: der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck steigt, die Atmung wird schneller, die Muskeln spannen sich an, die Pupillen weiten sich."

Woran kann man Stress bei anderen erkennen?

S.K.: "Das ist höchst unterschiedlich. Manche Leute wirken auch unter hoher Anspannung ganz ruhig und hoch konzentriert, andere werden hektisch, wieder andere geraten buchstäblich ins Schwitzen.

Was sich bei manchen Menschen in Stresssituationen beobachten lässt, sind verschiedene Formen von Berührungen: Sie berühren sich selbst, z.B. indem sie sich über die Lippen lecken, sich im Gesicht kratzen, sich an die Nase, in den Nacken oder unterhalb des Halses fassen, mit den Händen spielen oder mit den Handflächen über die Oberschenkel streichen. Sie berühren Objekte, z.B. spielen sie mit einem Kugelschreiber, mit der Brille, mit einer Halskette, greifen häufiger zum Glas, um etwas zu trinken. Sie berühren eine andere Person, z.B. wenn sie nach der Hand eines anderen greifen.

Häufig empfinden wir gestresste Menschen auch als gereizt, hektisch und nervös - das kann aber auch ganz andere Ursachen haben."
 
Welche Situationen sind landläufig „stressig“ und warum?

S.K.: "Was den Menschen stresst, ist immer abhängig davon, in welcher Gesellschaft er lebt. Früher waren die wesentlichen Stressfaktoren Kälte, Hitze, Hunger oder Verletzungen. Heute sind es überwiegend psychosoziale Faktoren, die Menschen gereizt, hektisch und nervös machen. Typische Beispiele dafür sind Leistungsdruck und Termindruck, Konflikte in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Familie, Dauererreichbarkeit, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, ein Mangel an Entspannung, überzogene Ansprüche an sich selbst, Unzufriedenheit, Sorgen, Zukunftsängste aber auch schwere Krankheit oder Tod eines geliebten Menschen. Weitere Stressfaktoren können Umwelteinflüsse wie zum Beispiel Lärm und chemische Gifte sein, aber auch Erinnerungen an negative Erlebnisse  empfinden wir als stressig."

Ist Stressempfinden rein subjektiv?


S.K.: "Worauf der Einzelne gestresst reagiert und wie er dann reagiert, ist individuell sehr verschieden. Der eine wirkt trotz einer herausfordernden Situation gelassen und ruhig, ein anderer braucht diesen berühmten „Kick“ und läuft dadurch zur Hochform auf, wieder ein anderer wirkt wie gelähmt und reagiert völlig frustriert. Abhängig ist Stress auch von der konkreten Situation – stehe ich beispielsweise bei schönem Wetter im Stau, es läuft gute Musik im Radio und ich habe keinerlei Termindruck, kann ich die Situation eher gelassen nehmen und belächle womöglich sogar die offenbar gestressten Dauerhuper und Drängler. In der gleichen Situation reagiere ich aber gestresst, wenn ich zum Beispiel dringend die Fähre erreichen muss, die mich auf meine Urlaubsinsel bringt, oder wenn ich zu einem wichtigen Meeting im Büro erwartet werde."


Über die Anzeichen von Stress und wie man den Auswirkungen auf die Gesundheit präventiv entgegenwirken kann, dazu findet ein anregender Talk im Theaterhaus Stuttgart statt. Die beiden Musiker Judith Holofernes und Heinz Rudolf Kunze sowie der wissenschaftliche Experte Professor Martin Bohus diskutieren gemeinsam über Methoden zum Abschalten. Ein Abend der durch die Live-Auftritte der beiden Songwriter alles andere als stressig wird, sondern viele Anregungen zum Umdenken liefert und zugleich einen spannenden Einblick in das Künstlerleben von Holofernes und Kunze gibt.


Termin: 17. April 2018 um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart, Siemensstraße 11, Stuttgart

Weitere Informationen und Tickets unter: www.Sprechstunde-im-Theaterhaus.de.