Wenig überraschend, doch bemerkenswert:

Pharmalobby nutzt globale Lieferengpässe für Forderungen nach mehr Geld

Datum: 28.11.2019 / Ressort: Arzneimittel

Stuttgart

Aus einer Ende November veröffentlichten Arbeit eines beauftragten Instituts zieht die Generikalobby die Erkenntnis, „Rabattverträge im Exklusivmodell gefährden die Arzneimittelversorgung“. Die Feststellung des Auftraggebers ist einigermaßen bemerkenswert, hatte die Lobby ihre aktuelle These doch selbst noch 2014 – sechs Jahre nach Beginn der ersten Exklusivverträge – öffentlich als Mythos bezeichnet. Tatsächlich sind Arzneimittelengpässe vor allem dann gefährlich, wenn keine gleichwertigen Versorgungsalternativen zur Verfügung stehen. Dass diese Konstellation allerdings ein Ausnahmefall bleibt, bestätigt die Auftragsarbeit für die Generikalobby selbst.

Die Arbeit untersucht die Frage, wie häufig im Jahr 2017 ein austauschbares Arzneimittel mit dem Hinweis auf eine Lieferunfähigkeit abgegeben wurde. Wie die Autoren ausführen, war das im Jahr 2017 bei 0,6 Prozent aller für die Analyse betrachteten Verordnungen der Fall. Anders ausgedrückt: Die von dem Lobbyverband zitierte Arbeit sagt aus, dass für 99,4 Prozent der Verordnungen die gewünschten Arzneimittel lieferbar waren.

Lässt sich mit solchen Zahlen nachweisen, dass Rabattverträge Versorgungssicherheit gefährden? Wohl kaum. Eher zeigen die Ergebnisse, dass die Generikalobby ein selbstverschuldetes, globales Problem für die öffentliche Diskussion in Deutschland mit einem marginalen Anteil von 4 Prozent des weltweiten Generikamarktes zur letztlichen Forderung nach mehr Geld nutzt.

Gegen die von der Lobby geforderten, zwingenden Mehrfachvergabe sprechen überzeugende Argumente:

  • Großkonzerne können bei der Mehrfachvergabe ihren Marktanteil durch Marketingmaßnahmen beeinflussen.
  • Verpflichtende Mehrfachvergaben begünstigen taktisches Bieten, da die zu gewährenden Rabatte bei mehreren Zuschlagsgewinnern sinken.
  • Gerade kleine und mittelständische Unternehmen verlieren ihre Planungssicherheit, weshalb Großkonzerne die eigentlichen Gewinner der Mehrfachausschreibungen sein müssen.
  • Lohnherstellung ist bei europäischen Generikaanbietern die Regel. Unter 193 in Europa tätigen Herstellern finden sich nur 11 meist kleinere, die tatsächlich für sich selbst produzieren. Von den Arzneimitteln zu 230 generischen Wirkstoffen werden 93 Prozent in der EU ausschließlich über Lohnhersteller produziert. Die meisten pharmazeutischen Unternehmer in Deutschland haben noch nie ein Arzneimittel selbst hergestellt. Ein Mehrpartnermodell bedeutet daher nur im Ausnahmefall, dass die Produktion auf mehrere Schultern verteilt werden kann.

Am Ende verdrängen generelle Mehrfachvergaben kleinere Anbieter zugunsten der Großkonzerne aus dem Markt. Anbieteroligopole wären absehbar, ein Vorteil für die Versorgungssicherheit wäre damit gerade nicht verbunden.

Nachdem die AOK-Gemeinschaft in den ersten Jahren der Rabattverträge tatsächlich auch auf das Mehrpartnermodell als Vertragsstandard gesetzt hatte, kam sie aufgrund der damit gemachten Erfahrungen schnell davon ab: Gerade kleinere Anbieter hatten überzeugende Argumente für ein grundsätzlich exklusives Ausschreibungsdesign.

Die Generikalobby lenkt die Aufmerksamkeit weg von der Verantwortung der Generikahersteller. Im Interesse der Patientinnen und Patienten sind diese Manöver nicht. Viel mehr bedarf es Lösungen, damit aus globalen Lieferengpässen keine negativen Folgen für die Versorgung in Deutschland entstehen. Engpässe müssen bereits dann, wenn sie absehbar sind, für eine zentrale Stelle transparent werden. Ebenso sollten pharmazeutische Unternehmen wie bereits die Apotheken und der pharmazeutische Großhandel zur Vorratshaltung verpflichtet werden.