„Wir sind Weltmeister im Datenschutz, aber nicht im Datenaustausch“

Allgemeinarzt Dr. Udo Schmid führt ein hausärztliches Zentrum in Östringen im Landkreis Karlsruhe. Er sieht in der elektronischen Patientenakte (ePA) ein nützliches Instrument für Patienten und medizinische Einrichtungen.

Datum: 24.06.2021 / Kategorie: Sonstiges

Stuttgart

Welche Herausforderungen sehen Sie persönlich durch die Einführung der ePA für Ihre Praxis?

Dr. Schmid: „Technisch gesehen habe ich keine Angst vor der Einführung der ePA. Das Problem ist eher, wie auch hier in Östringen, einen guten und schnellen Internetanschluss zu bekommen. Die Glasfaser ist leider noch nicht der Standard. Aber auch der Faktor Mensch spielt eine große Rolle. Ich muss die Skeptiker, also jene Patienten und Kollegen, die nicht technikaffin sind oder Bedenken beim Datenschutz haben, überzeugen. Und das kostet viel Zeit. Die Patienten sind diejenigen, die für die Freigabe der ePA-Inhalte verantwortlich sind. Wollen sie nicht, bekommen wir die Daten nicht digital verwaltet. Da sehe ich schon auch uns Ärzte in der Pflicht.“

 

Könnte die ePA positive Auswirkungen auf eine reduzierte Bürokratie im Praxisalltag haben?

Dr. Schmid: „Die Gleichung weniger Papier und mehr digitale Struktur führt in meinen Augen zu Arbeitserleichterungen, d.h. auch weniger Bürokratie. Aber, das muss man auch sagen, digitale Anwendungen werden auch von manchen Patienten ausgenutzt. Wir bieten in unserer Praxis die Möglichkeit an, mit uns per E-Mail oder per Voicemail (Anmerk.: eine Sprachnachricht wird automatisch verschriftlicht, so dass per E-Mail geantwortet werden kann) zu kommunizieren. Es kommt vor, dass Patienten dann vier oder fünf digitale Nachrichten hinterlassen. Was ich sagen will, bei der Digitalisierung dürfen wir den Blick auf das Wesentliche nicht verlieren und nicht in eine „digitale Bürokratie“ verfallen.“

 

Welche Chancen und Vorteile oder konkreten Erleichterungen durch die ePA sehen Sie allgemein? Und welche beispielweise für Ihre Angestellten in der Praxis?

Dr. Schmid: „Ganz klar mehr Behandlungssicherheit und Zeitersparnis. Das Besorgen und Hinterherrennen von fehlenden Facharzt- oder Krankenhaus-Befunden kostet unsere Angestellten enorm viel Zeit. Der Datenaustausch bei komplexen Krankheitsfällen ist sehr wichtig. Es wird immer mehr untersucht, was unter anderem dem medizinischen Fortschritt geschuldet ist. Und dieses Mehr an Daten und Wissen gebündelt vorliegen zu haben, ist ein Riesenvorteil. Ich bin davon überzeugt, dass mindestens 80 Prozent meiner Patientinnen und Patienten zum Beispiel den Medikationsplan freigeben würden.“

 

Wie beurteilen Sie die Rolle der Patienten bei der ePA?

Dr. Schmid: „Die Patienten entscheiden, was sie wem freigeben. Das ist wichtig, weil es sich um ur-private Daten handelt. Die Patienten sollte aber auch wissen, dass die freigegebenen Inhalte der ePA Leben retten können. Denken Sie an den eben schon angesprochenen Medikationsplan. Wenn ich hier als Arzt Transparenz zu Medikamentenunverträglichkeiten und möglichen Wechselwirkungen habe, ist mir schon enorm viel geholfen.“

 

Rechnen Sie mit vielen Anfragen seitens der Patienten? Lässt sich das quantifizieren?

Dr. Schmid: „Die ePA muss einfach funktionieren. Patienten und Ärzte müssen sie gut bedienen und schnell befüllen können. Ich glaube, dass chronisch oder schwer Erkrankte die ePA schnell freigeben.“

 

Wie wird sich Ihr Wissen über den Zustand der Patienten verändern?

Dr. Schmid: „Ich bin sehr gespannt, ob „Problempatienten“, also jene, die öfter zu verschiedenen Ärzten gehen und dadurch auch wieder mehr Informationen angelegt werden, einfacher zu behandeln sein werden. Ich hoffe es natürlich. Ich erwarte mir insgesamt eine Qualitätsverbesserung und mehr Sicherheit bei der Behandlung durch mehr Wissen. Von sehr großem Vorteil wäre auch, wenn weniger Doppeluntersuchungen stattfinden.“

 

Wie wird sich der Informationsaustausch mit anderen niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen und Kliniken verändern?

Dr. Schmid: „Es wäre phantastisch, wenn der Befund meiner Kolleginnen und Kollegen da ist, wenn der Patient vor mir sitzt und alles viel schneller einsehbar ist. Das muss das Ziel sein. Es kann doch nicht sein, dass beispielweise ein Radiologe immer noch faxt oder Bilder eintütet, um sie zur Post zu tragen.“

 

Für welche Behandlungsfälle sehen Sie einen großen Nutzen durch den Einsatz der ePA?

Dr. Schmid: „Bei schweren Fällen, d.h. bei Patienten, die chronisch oder mehrfach und komplex erkrankt sind und bei den oben erwähnten schwierigen Patienten, die Ärztehopping betreiben. Viele Untersuchungen bedeuten auch immer gleich viele Daten, die transportiert werden müssen. Wir müssen aber vom physischen Datentransport wegkommen.“

 

Wie sehen Ihre Kolleginnen und Kollegen die Einführung der ePA?

Dr. Schmid: „Mein Eindruck ist, dass einige Kolleginnen und Kollegen keine Arbeitserleichterung durch die ePA sehen. Sie fürchten „digitalen Stress“, wie beispielsweise die Meldung von Coronaimpfungen und anschließend die extrem zeitaufwändige Abrechnung der Impfung in Einzelscheinen der Patienten. Warum kann nicht mit der Meldung der Impfungen gleichzeitig die Abrechnung erledigt sein – ich denke es ist nicht zu viel verlangt in Zeiten massiver Überlastung von Kolleginnen und Kollegen? Hier müssen wir generell in Deutschland pragmatischer denken – effizienter Pragmatismus sollte hier über „deutscher“ Gründlichkeit stehen. Aber gerade während der Pandemie haben – so hoffe ich zumindest – auch die größten Skeptiker gemerkt, dass wir einen möglichst einfachen digitalen Datenaustausch benötigen.“

 

Welche technischen Vorkehrungen müssen in Ihrer Praxis getroffen werden?

Dr. Schmid: „A und O ist ein schneller Internetanschluss für einen schnellen Datenaustausch. Kein Hirngespinst ist die Haftungsfrage. Wer haftet, wenn mein Praxissystem geknackt wurde? Wir haben bei uns in der Praxis einen Netzwerkadministrator angestellt, der uns bei technischen Fragen und Sicherheitsfragen zur Seite steht. Er war während der Pandemie zeitweise der wichtigste Angestellte in unserem Team.“

 

Was würden Sie sich im Zusammenhang mit der ePA zukünftig wünschen?

Dr. Schmid: „Wir müssen die Balance zwischen Perfektionismus und Pragmatismus finden. Natürlich ist es wichtig, dass alle datenschutzrechtlichen und technischen Fragen geklärt sein müssen. Wir sind Weltmeister im Datenschutz, aber nicht im Datenaustausch. Zwischen diesen beiden Polen gilt es den Mittelweg zu finden. Ohne digitale Technik wird es nicht mehr gehen.

Auf meinem Wunschzettel steht noch die Haftungsfrage, die schon angesprochen wurde. Hätten wir beispielsweise eine Art „staatseigene Server“ in einem Rechenzentrum, für die das Land oder der Bund bei der Datensicherheit haftet, dann hätten wir zum einen größere und damit professionellere Einheiten, zum anderen würde das viele Kolleginnen und Kollegen bei dieser wichtigen Haftungsfrage entlasten.“

 

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