Cannabis

Cannabis auf Rezept

Datum: 06.04.2017

Das Gesetz "Cannabis als Medizin", das seit März 2017 in Kraft ist, regelt den Einsatz von Cannabisarzneimitteln als Therapiealternative bei Patientinnen und Patienten im Einzelfall bei schwerwiegenden Erkrankungen. Bedingung dafür ist, dass nach Einschätzung des behandelnden Arztes diese Mittel spürbar positiv den Krankheitsverlauf beeinflussen oder dessen Symptome lindern. Dies kann zum Beispiel in der Schmerztherapie, bei bestimmten chronischen Erkrankungen wie etwa Multipler Sklerose oder bei schwerer Appetitlosigkeit und Übelkeit der Fall sein.

Für diese erweiterte Kostenübernahme sorgt eine Änderung im Fünften Buch Sozialgesetzbuch (SGB V): Künftig können neben Fertigarzneimitteln auf Cannabisbasis auch getrocknete Cannabisblüten von der gesetzlichen Krankenkasse erstattet werden, wenn diese zu Therapiezwecken notwendig sind.

Die AOK Baden-Württemberg gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Wie beurteilt die AOK Baden-Württemberg das neue Gesetz "Cannabis als Medizin"?
Mit der Gesetzesnovelle werden die Therapieoptionen für Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen um eine weitere Option erweitert. Insbesondere für die Therapie mit Cannabisblüten fehlen allerdings gesicherte wissenschaftliche Daten mit einer hinreichenden Evidenz, die nach der bisherigen Sozialgesetzgebung eigentlich die Voraussetzung für einen regelhaften Leistungsanspruch in der gesetzlichen Krankenversicherung sind. Es bleibt das Ergebnis der verpflichtenden wissenschaftlichen Begleiterhebung abzuwarten, mit dem allerdings erst frühestens in 5 bis 6 Jahren zu rechnen ist.

Welche Maßnahmen werden für das neue Gesetz ergriffen?
In Baden-Württemberg ist eine gemeinsame Arztinformation der Krankenkassenverbände mit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) geplant und wird derzeit vorbereitet. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) bereitet zentral eine Begutachtungsanleitung für diese Fälle vor, die eine einheitliche Beurteilung in allen Bundesländern sicherstellen soll.

Mit welchen Zusatzkosten ist zu rechnen?
Je nachdem für wie viele Patienten bei welchen Indikationen diese Therapieform wirklich in Frage kommt, ist mit erheblichen Mehrausgaben zu rechnen. Preise für importierte Cannabisblüten liegen der AOK Baden-Württemberg aktuell noch nicht vor. Mit Sativex® und Canemes® befinden sich bereits zwei Fertigarzneimittel auf dem deutschen Markt, die für die Behandlung bei Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie, Anorexie und Gewichtsverlust bei AIDS und Spastiken bei Multiple Sklerose (MS) zugelassen sind. Um die Höhe der zusätzlichen Kosten genau beurteilen zu können, muss natürlich auch betrachtet werden, ob und welche Therapie diese neue Therapieform ersetzt oder ob diese zusätzlich durchgeführt oder bisher selbst bezahlt wurde.

Wie sieht es mit dem Genehmigungsverfahren aus?
Genehmigungsverfahren sind auch bei Arzneimitteln nichts Neues, wenngleich sie aktuell auf seltene Fallkonstellationen beschränkt sind. Es gibt sie z. B. bei Verordnungen von Arzneimitteln außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete, so dass wohl auch bei Genehmigungsanträgen für die Verordnung von cannabinoidhaltigen Arzneimitteln bzw. Cannabisblüten in ähnlicher Weise verfahren werden wird.

Wie beurteilen die Kassenärzte das neue Gesetz?
Zum Regierungsentwurf des Gesetzes gab es von Ärzteseite bereits im letzten Jahr eine Stellungnahme, die unter http://www.akdae.de/Stellungnahmen/BMG/20160914.pdf verfügbar ist.

In welchen Fällen erfolgt eine Kostenübernahme?
Die Kosten für eine Therapie mit Cannabis übernimmt die AOK Baden-Württemberg, wenn die nach Sozialgesetzbuch vorgesehenen Voraussetzungen erfüllt sind. Demnach muss es sich um eine schwerwiegende Erkrankung handeln, bei deren Behandlung eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung, nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nach Einschätzung des behandelnden Arztes nicht zur Anwendung kommen kann. Zudem muss eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome bestehen. Eingehende Kostenanträge werden sorgfältig geprüft und gegebenenfalls dem Medizinischen Dienst der Krankenkasse (MDK) zur Begutachtung vorgelegt.

 

Ergänzung 06.04.2017:
Dürfen Cannabis-Patienten am Straßenverkehr teilnehmen?
Cannabis-Patienten dürfen grundsätzlich Auto fahren. Dies erklärte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag. Allerdings müsse der Patient in der Lage sein, das Fahrzeug "sicher zu führen". Gerade zu Beginn der Therapie könne die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt sein. Fährt ein Cannabis-Patient Auto, empfiehlt ihm die Bundesregierung, eine Ausfertigung des Be­täubungsmittelrezeptes oder eine Bescheinigung des Arztes im Gepäck zu haben.